Der Sommer meines Lebens

„Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Ein Satz, ein Film. Gesprochen von Jennifer Grey, alias Baby im Film Dirty Dancing, Patrick Swayze an ihrer Seite. Ein Kultfilm, über Sommer, Tanzen und die erste große Liebe und ganz kurz eben auch über Melonen. Es war aber der Filmsong, der den Oskar bekam. I`ve had the time of my life. Übersetzt: Ich hatte die Zeit meines Lebens.

Mal ehrlich, wann haben Sie den Film von 1987 das letzte Mal gesehen, diesen angeblichen Frauenfilm, über die beste Zeit des Lebens?

Nein, mein Lieblingsfilm ist er nicht, aber er weckt in mir diese Sehnsucht, nach der besten Zeit meines Lebens. Ich weiß ganz genau, wann die war. Den gab es nur einmal, in diesem einen Sommer, in dem es meiner Erinnerung nach nie regnete, ich ständig draußen war in der Sonne und mich federleicht fühlte. Ich war zum ersten Mal richtig verliebt. Das Leben war einfach, gut und ich war versöhnt mit allem und jedem. Ok, Abi hab ich damals nebenbei auch noch irgendwie gemacht, vor mir lagen so viele Möglichkeiten, aber nichts von dem übte Druck aus, es war eher spannend, aufregend. Den Sommer meines Lebens gab es nur einmal, und er ist viel zu lange her.

Jetzt bin ich älter, die erste Liebe hat nicht gehalten, beruflich bin ich weitestgehend festgelegt, vieles ist geschafft, vieles hat aber auch mich geschafft, Kraft gekostet, Elan, Begeisterung. Ich bin erwachsender, realistischer und all das. Es geht mir gut. Der Herbst meines Lebens ist noch weit weg. Der Frühling liegt wohl hinter mir. Und jetzt ist wieder Juli und in mir ist diese Sehnsucht und ich frage mich: Wie finde ich sie wieder diese Leichtigkeit und Vorfreude auf Neues? Wie wird jetzt dieser Sommer zur Zeit meines Lebens?

„Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“(Markus 10,15) Sagt Jesus. Das Leben empfangen wie ein Kind. Wie ein kleines Kind, möchte ich hinzufügen. Unser Kindsein wird ja auch schon allzu schnell durch hohe Erwartungshaltungen und Gruppenzwang beschwert. Also werden wie ein kleines Kind, um die Zeit des Lebens zu haben. Wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal Melone probiert. Das mit dem Wasser spielt und mit dem Sand, und an der Matsche Freude hat. Wie ein Kind, das die Zeit hat, alles ganz in Ruhe anzugucken, zu erforschen ohne Ziel und Zweck. Die Menschen in der Straßenbahn, den Marienkäfer, den eigenen Körper. Der Zeh passt in den Mund. Auf den Stuhl kommt man beim dritten Versuch doch hoch! Menschen so lange anstrahlen bis sie zurück lächeln. Davon ausgehen, dass der Tag nie endet, und wenn doch, den nächsten freudig erwarten.

Um die Zeit des Lebens zu empfangen brauche ich erst mal Zeit. Als Erwachsene muss ich sie mir nehmen. Die Leichtigkeit muss organisiert werden. Von alleine komme ich kaum wieder an meine kindliche Unbeschwertheit. Aber Sonne hilft ungemein, eine neue Liebe auch oder eine alte Leidenschaft, die ich wiederentdecke. Oder ein Tanzkurs, ein See, ein süßes Café, ein Eis. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde lang. Der Sommer meines Lebens ist eine spirituelle Übung. Altes, Bewährtes wiederbeleben und dem Neuen aufgeregt und gespannt entgegenfiebern, das passiert nicht einfach so. Dafür brauche ich Anregung, in diesem Fall aus der Bibel. Dafür brauche ich Vorbilder, zum Beispiel das Kind einer Freundin, ein Paten- oder Enkelkind. Damit ich die Zeit des Lebens im Hier und Jetzt finde, auch diesen Sommer.