Warum ich Engel mag

Wenn ich in diesen Tagen meine Wohnung dekoriere, dann dürfen SIE nicht fehlen: Die Engel. Vor allem nicht meine selbst gefilzten. Beige, champagnerfarben. Etwa so groß wie mein Zeigefinger / kleiner Finger und unförmig rund. Den Abend, an dem sie zu mir kamen, werde ich nie vergessen. Es war Advent. Meine Freundin und ich studierten evangelische Theologie. Unsere Landeskirche hatte gerade ein Reformpapier herausgebracht. Darin hieß es: Alle Pfarrer und Pfarrerinnen müssten sieben Kernkompetenzen vorweisen, damit „die Kirche eine Zukunft hat“(1). Die so genannte „Ökumenische Kompetenz“ war auch dabei. Also machten wir uns auf den Weg in die Evangelische Studierendengemeinde zur „Ökumenischen Nacht“ mit Workshops, Gemeinschaft und Gottesdienst. Doch schon gleich am Anfang wurde unser evangelisches Herz auf eine harte Prüfung gestellt: Das Thema der Veranstaltung war: Engel. Protestantinnen glauben nicht an Engel. Also höchstens so, dass andere Personen einem ganz individuell zum Engel werden können. Oder dass ein Menschenwort in einer bestimmten Situation zur Botschaft Gottes werden kann. Aber Engel als feste Instanz zwischen Gott und  Mensch – das war uns fremd. Schutzengel oder nackte, übergewichtige, männliche Babys mit oder ohne Flügel, nein Danke. Wir waren kurz davor zu gehen – gaben unserer ökumenischen Kompetenz aber dann doch noch eine Chance. Meine Freundin, gerade frisch verliebt, bastelte in einem Workshop Weihnachtskarten zum Adventslied „Wie soll ich dich empfangen“. Und ich lernte filzen. Dabei legt  man Filz in eine Plätzchenform und sticht mit einer Nadel so lange in den Filz, bis er die Form des Plätzchenausstechers annimmt. Ich entschied mich für die Engelformen und während ich die Nadel pro Sekunde zwei Mal in den Filz stach, war ich mir sicher, dass ich mich noch nie so aggressiv gefühlt und betätigt hatte. Meine Stimmung kippte von Enttäuschung in Ironie und wieder zurück. Und dann saßen wir im Kreis und hörten die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel: Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde …, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus,… „ (Lk 2,8-14). Und plötzlich war er mir wichtig, der Engel. Erst jetzt merkte ich, dass ich die „Ökumenische Nacht“ nur besucht hatte und nur deshalb geblieben war, weil ich mich fürchtete, keine kompetente Pfarrerin zu werden. Zumindest keine mit allen sieben Kompetenzen, der meine Kirche eine Zukunft geben würde. Und da kam der Engel zu mir, einer zukünftigen „Hirtin“, und sagte mir: Fürchte dich nicht, Jesus ist geboren in diese unvollkommene Welt. Gott wurde ein Säugling – und du musst auch nicht alles gleich, und auch nicht alles gleich gut können.“ Seit diesem Abend mag ich alle Engel. Denn, wenn ich sie sehe, dann flüstern sie mir zu: „Fürchte dich nicht“ Und dann sehe ich wieder klarer, und es wird ganz hell in meinem Herzen.