Angstengel

Ich hab es alles ordentlich geplant.

Den Termin in den Kalender eingetragen und gegen alles verteidigt.

Ich habe das Bahn-Ticket und das Hotel gebucht,

meinen Hund in der Hundetagesstätte angemeldet

und den Dienstreiseantrag gestellt.

Ich hab es ordentlich geplant, jetzt soll es auch was werden.

Tut es aber nicht.

Ein Sturm, Orkan „Friederike“ kommt auf.

Ich höre erst davon, als es draußen schon stürmt.

Zuerst macht der Wind mir Angst,

wie die Schilder umkippen und die Bäume auf die Straßen.

Ich muss sofort an den Abend vor 4 Jahren denken,

als wir nach einem Sturm zusammen saßen und es nicht fassen konnten. Einer aus der Kirchengemeinde war von einem Baum erschlagen worden und wir waren zu dem Zeitpunkt auch noch draußen auf dem Fahrrad unterwegs gewesen.

Aber als draußen der Wind nach wenigen Stunden wieder abnimmt, hoffe ich sofort wieder,

dass mein Zug schon wieder fahren wird.

Tut er aber nicht.

Ich höre die Warnungen und die Nachrichten über die Toten und Verletzten noch, aber denke nur:

Dann fahre ich halt mit dem Auto.

Ich gebe doch nicht auf! Ich habe das doch geplant.

Geht nicht, gibt’s nicht.

Und ich fahre mit dem Auto und komme gut an.

Aber am nächsten Tag spüre ich meine Angst im Nacken.

Langsam zieht der Schmerz hoch in den Kopf,

ich bin völlig schachmatt.

Ich weiß, ich spüre meine Angst immer erst später.

Wie beim Hagelsturm vor 2 Jahren und dem Blitzeis letztem Jahr.

Ich habe gelernt, meine Angst zu unterdrücken,

bis die Gefahr vorbei ist.

Sonst wäre ich im Leben nicht so weit gekommen.

Nicht zu Menschen, die mich brauchten,

nicht zu Vorstellungsgesprächen

und Freunde hätte ich jetzt auch weniger.

Ich hab mir antrainiert positiv zu denken-

und ich gucke nie, wie das Wetter wird.

Doch wenn ich meine Gedanken und Gefühle schon austricksen kann,

jetzt sagen mir meine schmerzhaften Nackenschmerzen:

„Dein Körper hatte gestern Todesangst,

nur du hattest was anderes vor.

Du wolltest das Leben so wie du es geplant hattest

– und zwar um jeden Preis.“

Und ich weiß, mein Nacken hat Recht.

Es gibt eine Angst, die ist gut für mein Leben,

die hält mich fest,

wenn mein Planungen mich mitten in den Sturm jagen,

gute Angst behütet mich.

Ist wie ein Schutzengel, der mir sagt: Bleib jetzt in Sicherheit.

Und unter Schmerzen, nicht nur körperlichen,

sage ich ein paar Termine ab

und lege liebevoll eine Wärmflasche auf meinen Nacken

 – vielleicht spüre ich meine Angstengel

dann nächstes Mal schon etwas früher und lass mich behüten.

  Vor Gefahr und Schmerzen.

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