Ich schäme mich

WDR2 Andacht 10.2.2022

Ich lache sehr gerne über mich. Es ist mir letztlich egal, was die anderen über mich denken. Im Gegensatz zu anderen, lockere ich gerne die Stimmung auf mit Erzählungen darüber, wie komisch ich mich mal wieder angestellt habe. Und doch gibt es Dinge, die mir richtig unangenehm sind. Ich schäme mich für meine Gedanken und Gefühle. Nein – ich meine nicht die, wo es um Schokolade oder Sex geht. Ich meine die, die ich habe, wenn es um Menschen aus anderen Kulturkreisen oder anderer Hautfarbe geht. Wenn ich merke, dass ich weiß denke und fühle. Blitzschnell geht das. Diese Gedanken und Gefühle kann ich nicht steuern oder einfach lassen. Dass ich zum Beispiel Menschen mit anderem Aussehen und Sprachen abwerte und spontan denke, ich bin was Besseres und hätte Anrecht auf die guten Arbeitsplätze und Wohnungen. Ich schäme mich so, wenn ich merke, dass ich meine Privilegien behalten will. Die ich allein deshalb habe, weil ich in den 80er Jahren in Westdeutschland geboren worden bin. Meine Eltern weiß und gebildet sind. Ich weiß inzwischen, wo meine Gedanken und Gefühle herkommen. Ich bin ein Kind dieser rassistischen Kultur und meinen positiven Erfahrungen damit. Es ist normal für mich, nicht für meine Herkunft oder Hautfarbe historisch und kulturell, strukturell und institutionell diskriminiert zu werden. Ich weiß, dass ich mir so viel materiellen Wohlstand, so viel Bildung, und eine so gute gesundheitliche Versorgung nie und nimmer alleine hätte erarbeiten können. Das ist auch nicht nur familiär ererbt. Das hat grausame Kolonialgeschichte. Mein Kopf weiß das schon. Aber für zwei, drei unbewusste beschämende Sekunden übernimmt mein kulturelles Gedächtnis die Kontrolle über mich. Ich denke, ich bin was Besseres als die Menschen mit anderer Hautfarbe und will nichts abgeben. Und das, obwohl ich mehr als genug habe. Ich könnte mir sagen, damit bin ich nicht allein, aber das kann und will ich nicht mehr.

Mein erstes Anti-Rassismus-Training ist jetzt über 15 Jahre her und ich bin immer noch so gepolt. Ich könnte jetzt als Pfarrerin auch sagen, dass ich weiß, dass ich immer lieblose Seiten haben werde – früher nannte man das Sünde – aber ich will diese menschenverachtende Seite in mir nicht akzeptieren. Zumindest nicht so und schon gar nicht kampflos. Ich will mein kulturelles Erbe nicht einfach abtun, das geht nicht. Ich will davon auch nicht freigesprochen werden, das geht auch nicht. Ich will dazu stehen. Und wenn es nur geht, in dem ich mich öffentlich schäme. Auch wenn es unangenehm ist – Scham scheint mir angemessen und hilfreich in diesem Februar. Denn: In anderen Ländern wird in diesem Monat der Black History Month gefeiert. Aus gutem Grund: Auch damit die Weißen die Geschichte der schwarzen Menschen endlich wahrnehmen. Mich eingeschlossen.

 

 

Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

 

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