Ich erwarte

Ich setze mich auf den OP-Stuhl und lehne mich zurück.

Im Kopf noch die Frau, die vor mir dran war, wie sie durch den Gang geschoben wird.

Elend sah sie aus. So elend will ich nicht werden.

Vielleicht bin ich auch deshalb erst jetzt hier.

Erst mit 38, typisch ich, mal wieder spät dran.

Mit der Fruchtbarkeitsfürsorge. Social Freezing. Eizellen entnehmen, einfrieren, für später.

Jahrelang wollte ich das ganz bewußt nicht.

15 Mal bin ich umgezogen, das heißt 10 Mal eine andere Frauenärztin und irgendwie auch 15 Mal eine andere schwammige Diagnose: „Könnte schwierig werden …“  Aha.

Und obwohl ich meistens gar keinen aktuten Kinderwunsch habe, weder alleine noch zur Pflege und mit DEN Männern an meiner Seite damals auch nicht, ist da immer diese Schwere:

Das mit dem „guter Hoffnung sein“ einfach so ein Kind erwarten, wie Maria und wir im Advent, das wird vielleicht nichts.

Oder wenn, dann wird es oder ich dabei vielleicht elend.

Das ist zumindest das, was ich auf den Gesichtern von Frauen und Männern in den Kinderwunschzentren sehe :

Mag sich Sex auch im besten Fall himmlisch anfühlen,

Kindermachen im Reagenzglas ist die Hölle.

So viel Angst und Bangen in den Wartezimmern, man könnte meinen, man ist in der Onkologie.

Aber jetzt habe ich mich auf den OP-Tisch gesetzt.

Meine Mutter wartet im Aufwachraum auf mich während mein Vater für später die besten Apfelpfannkuchen der Welt brät.

Ich lehne mich zurück.

Und das Elend all der Menschen im Wartezimmer ist nicht mehr meins.

In meinem Kopf, Herz und Körper ein Satz, in den ich mich fallen lasse.

Mir wird nichts mangeln. Jetzt fühle ich es.

Mir wird nichts mangeln. Jetzt glaube ich es.

Mir wird nicht mangeln. Jetzt bin ich mir sicher.

Die Vollnarkose wirkt.

„Mir wird nichts mangeln“ aus Psalm 23 sind Worte,

die zur Autosuggestion nicht taugen.

Positiv müsste ein psychologisch-hilfreicher Satz formuliert sein:

„Ich werde alles sein und haben“ zum Beispiel.

Aber im Bibelvers ist der Mangel im Satz, mangeln ist das Verb, das was passiert.

Und ist gleichzeitig verneint.

Der Mangel ist da, aber er ist NICHTS. Zumindest ist der Mangel nicht alles.

„Mir wird nichts mangeln.“

Den Vers habe ich mir nicht vorgenommen für den 21. September 2020.

Beim Zahnarzt hat sich eher das Vaterunser bewährt.

Aber irgendwann hat sich dieser Vers in mein Leben und meinen Glauben geschlichen, gegen meinen Widerstand, gegen jede Krise.

Er ist so realistisch.

Ich bin kein Fan von Heldenfilmen oder Fantasy-Romanen oder Science Fiction.

Ich liebe das zerbrechliche, komplizierte, wahre Leben

– und das ist immer mit Mangel behaftet.

Da fehlt immer was,

manches ist für immer verloren,

vieles erfüllt sich nie.

Ob das der Wunsch ist, dass niemand jetzt in diesem Moment weltweit oder auf unseren Intensivstationen unnötig leidet oder stirbt.

Oder ob das mein ganz privates kleines Glück ist.

Irgendwie habe ich ja doch immer erwartet, dass ich jetzt schon mindestens zwei Kinder habe.

Psalm 23 ist so realistisch.

Zu hohe Erwartungen und falsche Versprechungen können so gefährlich sein.

„Du kannst alles sein und haben …“ .

Bei manchen Corona-Leugner*innen sehe ich eine emotional-aggressive Enttäuschung darüber, dass es gar kein Menschenrecht auf ein „normales Leben ohne Maske“ oder ein „normales Weihnachten“ gibt.

Und dann frage ich mich, ob wir in der gleichen Realität leben.  

Psalm 23 ist so realistisch. Das ist der eine Grund, warum er mich durch jede Krise trägt.

Der andere ist: Er ist voller Vertrauen:

Dass es ein erfülltes Leben gibt, ohne erfüllte Erwartungen. (Dietrich Bonhoeffer)

Die Narkose lässt nach.

Die Anzahl der Eizellen, die schockgefrostet werden können, ist biblisch.

Mein Vertrauen aus dem OP hält.

„Und was machst du jetzt?“, fragen mich die, denen ich von meinem Eingriff erzähle:

„Nix“, sage ich. „Ich wollte mir erstmal nur Zeit kaufen, es mir etwas leichter machen.“

Ich wünsche mir gar nicht, dass ich mein Erbgut jemals wieder wieder auftaue.

Ich erwarte mein Glück nicht davon, ob ich jemals wie Maria in guter Erwartung sein werde oder ein Kind ins Leben begleiten darf.

Ich erwarte: Mir wird nichts mangeln.

AMEN.

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