Alltagspriesterin

Lotta weiß Bescheid über Kirche und Gott. Oma sitzt im Leitungsgremium der Gemeinde, Papa ist Diakon und arbeitet in der christlichen Jugendarbeit. Mama ist Fotografin. Lotta hat einen scharfen Blick auf die Welt. Lotta ist acht und eine kleine Alltagspriesterin. Letztens war sie im Supermarkt. Mit einer Freundin der Eltern und deren einjähriger Tochter Louise. Vor der Fleisch- und Wursttheke mussten sie warten, bis sie dran kamen. Und Lotta sah, dass sich Wasser an der Scheibe von der Wursttheke gesammelt hatte und kurz davor war, hinunter zu tropfen. Da nahm sie sich mit dem Finger einen Tropfen Wurstthekenkondenswasser und malte damit Louise ein kleines Kreuz auf die Stirn und sagte feierlich: „Das ist zur Erinnerung an deine Taufe.“ Den Satz kennt sie aus dem jährlichen Gottesdienst zur Taufergedächtnis für die Fünfjährigen. Und nach einer Babytaufe in unserer schönen Stiftskirche in Levern habe ich Lotta auch schon einmal ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet: „Lotta, du bist getauft, Jesus hat dich lieb.“ Mit dem Wasser aus dem tragbaren Taufbecken, das mit seinem runden Deckel auf der Schale ein wenig an einen großen Kugelgrill erinnert. Wenn ich so darüber nachdenke, ist da die Verbindung zu Wurstthekenkondenswasser gar nicht so weit, wie man vielleicht denkt. Überhaupt habe ich schon wunderbare Gottesdienste in Räumen gehalten, die mal ein Supermarkt waren und trotz Orgel, Bänken und Lesepult immer noch den Charme einer Verkaufshalle versprühten. Auch wenn ich es im Gottesdienst eigentlich lieber so schön wie möglich für uns habe. Denn Gottes Schönheit lässt sich in der Schönheit der Blumen auf dem Altar, dem warmen Licht der Kerzen und der feierlichen Orgelmusik erahnen. Und ich mag die Stimmung in unserer alten Stiftskirche mit dem Barockstil wirklich sehr. Aber wenn ich mich entscheiden müsste zwischen der Pfarrerin im preußischen Talar, schwarz und irgendwie undynamisch in der geschichtsträchtigen Kirche und dem kleinen Mädchen an der Wursttheke mit dem Kondenswasser, dann wäre ich lieber wie Lotta. Mitten im Supermarkt. Da, wo die Leute anstehen, für das, was sie zum täglichen Leben brauchen. Und nebenbei vielleicht auch noch etwas für ihre Seele bekommen. Ein Zeichen, einen Satz, ein Gespräch. Die Kirche mit ihren Pfarrerinnen und Pfarrern ist für sonntags, für „wenn was Besonderes“, was Großes, Schönes oder Schreckliches ist. Ein anderer Ort.

Aber zusammen kommt man bei uns auf dem Dorf im Supermarkt. Dort treffe ich die Menschen, nirgends sonst. Dort in der Nähe der Wursttheke habe ich schon das eine oder andere seelsorgliche Gespräch geführt. Unseren Erntedankgottesdienst feiern wir als Gemeinde schon seit langem auf dem Herbstmarkt. Da liegt eine Abendmahlsfeier vor dem Bäckereistand doch nahe. Samstags, wenn dort alle ihre Brötchen für den Start ins Wochenende holen. Für zehn Minuten das Brot des Lebens dort empfangen, wo der Brotlaib dafür frisch aus dem Backofen kommt und nach Freiheit und Sonntag duftet. „Kommt, seht und schmeckt, wie freundlich unser Gott ist“, mit diesen Worten laden wir Menschen zu Gottes großem Festmahl ein. Doch Gott ließ sich immer auch dort finden, wo es die Menschen hinzog. Dann sollten wir als christliche Gemeinde auch da sein, denke ich, mit unseren Gottesdiensten an anderen Orten, aber auch mit unserer Freundlichkeit. Als Alltagspriester und Alltagspriesterinnen, klein und groß, jung und alt. Mit Zeichen.

Einer Hand, sanft auf dem Unterarm, vielleicht. Weil die Nichte, jung aber krank, vielleicht nie wieder arbeiten kann. Mit Worten. Einem herzlichen Gruß für die schwangere Schwester. Mit einem Gespräch über das Wetter, das es den alten Knochen schwer macht und die Stimmung drückt. Zumindest so lange, bis man sich darüber ausgelassen hat. Zeichen, Worte, Gespräche. Überall. In den Supermärkten, an den Tankstellen und Bankschaltern. Um zu erinnern, wir sind alle Gottes Kinder und er ist da für uns.