Was mir fehlt, meine Oma

Was mir fehlt? Meine Oma. Ihre Nummer auf meinem Telefondisplay. Ihre Stimme auf meinem Anrufbeantworter. Wie sie brav versucht, ihren „richtigen“ Namen zu nennen, ihre Telefonnummer und ihr Anliegen, wie von der jungen Pfarrerin auf der Ansage gewünscht. Aber das nicht klappt, weil sie alle Namen der Familie durcheinander bringt und ihre Telefonnummer mit meiner. Oder einfach nur sagt: „deine Oma“. Und ich höre, wie sie umständig auflegt, oder auch einfach nicht. Und ich weiß, dass sie da ist, in diesem Haus am Fluss, wo es warm ist im Wohnzimmer, ein bisschen zu warm. Aber es ist „Schokkelade“ unten im Schrank und der Kühlschrank ist meist zu voll und auf dem Herd steht irgendein Gemüse, Eiernudeln und Fleisch im Ofen. Mit viel Butter und Sahne und so. „Margarine oder Soßenbinder – das ist doch nix!“
Mir fehlt, dass ich weiß, dass sie immer da ist, weil sie jetzt nicht mehr da ist. Ich ihre Nummer nicht wählen kann, ich nicht in dieses Haus zu ihr fahren kann, mit dem Zug, dessen Fahrzeiten ich auswendig kann. Und dann das letzte Stück zu Fuß, auch wenn sie mir Geld fürs Taxi gibt. Mir fehlt es, in dieses Wohnzimmer zu ihr eilen zu können. Weil sie mich schon so lange kennt und mich ansieht, wie sonst niemand. „Ach Kind. Ich seh‘ dich vor mir als Kleines. Du schaffst das.“
Ich vermisse diesen Ort, diese Sicherheit, dass sie da in ihrem Stuhl sitzt und die Prospekte nach schönen Lebensmittelangeboten durchstöbert. „Willst du ne Gans? Du musst auch noch was essen! Was isst du denn so zu Mittag? Was geben dir denn deine Eltern? Was haben denn die anderen?“ All diese Fragen, die mich genervt haben, weil sie mir unwichtig erscheinen, weil ich das alles habe und ich trotzdem weiß, dass sie wichtig sind. Von ihr weiß ich das. Essen macht das Leben schön. Schöne Klamotten auch, wenn man sich nicht wohl fühlt in seiner Haut. Geld macht frei, wie viel Freiheit hat sie mir ermöglicht. „Ich will dir auch noch was geben.“ Für die vielen schönen Kleinigkeiten. Für Mode, für Erdbeeren, Stühle.
Mir wird fehlen, dass sie da sitzt in ihren schönen bunten Blusen und edlen Jacken und sie dann schamlos bekleckert. Bekleckern ist besser als gar nichts mehr mit ihr essen zu können.
„Du hör mal! Wir müssen auch noch Brot hochholen.“ Wir müssen. Ich sollte. Und ich hab es gern gemacht. Das Hausbrot aus Münster nach Meppen geschleppt. Es mit der Maschine geschnitten, eingefroren, 4 Scheiben pro Paket. Aber der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, sondern auch von der Wurst aus aller Welt.
Sie war einfach immer da. Mit ihren Fragen, ihren Anrufen, ihrer Sturheit, ihrem Trotz, ihrer Stärke. Ob mit ihrem großen Bein in meiner Betthälfte, wenn mir früher kalt war, mit den gebratenen Hähnchenschenkeln im Postpaket, als ich zur Kur in Bad Sobernheim war, oder am Telefon. Sie war so realistisch. „Du musst nicht meinen, dass es irgend jemand da draußen interessiert, wie es dir geht! Kampf. Kampf. Kampf.“ Sie war meine Oma und ich ihr „Kind“ und wenn sie jetzt nicht mehr da ist, dann ist sie immer noch meine Oma, und ich bin wer ich bin auch durch sie, aber ohne sie bin ich doch ein Stück weniger das „Kind“, das so liebevoll angeguckt wird. „Du hast schöne Ohren.“ Endlich sieht das mal jemand! Und Oma war auch schön. Schöne Füße, schöne Hände mit den Nägeln spitz geschnitten wie sonst niemand. Oma war mein Zufluchtsort, mein Verheißungswort. Oma. Sie hat an mich geglaubt. Und das tun andere auch, aber niemand so bedingungslos überzeugt wie sie. Und das trage ich in mir, aber ich sehne mich so danach ihre Nummer auf meinem Display zu sehen.

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