Was mich nicht umbringt – Predigt zu Ezechiel 36,26

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“,   sagt Nietzsche.1
„Was mich nicht umbringt, macht mich härter“, sage ich.
Härter vor den anderen. Härter zu den anderen.
Umgebracht haben sie mich nicht, aber mir den Atem genommen, sie sind mir an die Nieren gegangen, haben mein Herz gebrochen.
Umgebracht haben sie mich nicht, noch nicht. Aber das Blut gefriert in meinen Adern und alles in mir schreit: „Nie wieder!“
Und ich ziehe einen Zaun. Mit Schild: „Bis hierher und nicht weiter.“
Und zehn guten Pfeilern: „Du sollst nicht: Morden, Ehe brechen, stehlen, falsche Aussagen machen. Und so.“
Ich soll außerdem nicht: Abhängig, schwach, arm oder dick sein.
Jede Menge Stacheldraht habe ich zwischen die zehn guten Pfeiler gezogen.
Aber ob das reicht?
Umgebracht haben sie mich nicht, noch nicht.
Und dann hat der Zaun ein Loch, groß genug für ein Killerkaninchen.
Also baue ich eine Mauer, erst niedrig, nur gegen die Kaninchen.
Dann gegen die Kinder, die Kollegen, meine Freundin Karolin, immer höher, immer dicker.
Du sollst nicht: Zu großzügig, zu hilfsbereit, zu verständnisvoll und interessiert sein.
Ich soll nicht: Zu vertrauensvoll, zu hoffnungsvoll, zu leichtgläubig und zu liebevoll sein.
Dazu zwinge ich dich, dazu zwinge ich mich. So werde ich leben, sicherlich.
Ich zwänge mich ein, grenze mich aus, mauere mich weg.
Immer kleiner wird mein Raum, mein Herz, immer enger.
Immer weiter weg bist du, die anderen.
Nichts kommt mehr rüber, nichts erreicht mich, nichts fließt mehr. Der Blutkreislauf unterbrochen, völlig ausgeblutet. Mein Herz hart wie Stein.
Aber umgebracht haben sie mich nicht, noch nicht.
Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.
Oder härter, enger, kleiner, bis nichts mehr geht.
Und Gott den Notarzt ruft.
Und der kommt und hat neues Blut vom Roten Kreuz.
Und das Blut von jemand anderem fließt durch meine Venen.
Gibt mir neues Leben, und damit mein neues Herz.
Ein Herz, das mich nicht umbringt.
Sondern pulsiert, schlägt, die Mauern aus Stein wegsprengt.
Ein Herz, das wächst, sich weitet auch mal bis zum Zaun. Mit den zehn guten Pfeilern.
Und sich traut, durch den Stacheldraht zu gucken. Nach Kaninchen, Kindern, Kollegen und Karolin.
Mein Herz, das überfließt, mich zu ihnen zieht.
Mein Herz, das nichts weiß über das Sollen, sondern nur das Wollen.
Ich will leben.
Das Kaninchen, die Kinder, meine Kollegen und Karolin auch.
„Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben,“ sagt Gott.

1 Friedrich Nietzsche, Götzendämmerung, Sprüche und Pfeile, 8

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