Mein Glaube

Die Schrift: Worte des ewigen Lebens – aber Stückwerk

„Du hast Worte des ewigen Lebens“, sagt Petrus im Johannesevangelium 6,68 zu Jesus.

Viele Jahre später finde ich diese Worte des ewigen Lebens in, mit und unter den biblischen Schriften vor. Ich lese sie im hebräischen und griechischen Testament; in beiden stellt und bekräftigt Gott immer wieder seinen Bund zu seinen ebenbildlichen Geschöpfen. Die Worte des ewigen Lebens erreichen mich in alten geprägten Worten der Lutherübersetzung oder in modernen Übersetzungen wie der Bibel in gerechter Sprache. Meist passiert das in Gemeinschaft mit anderen, aber auch wenn ich die Bibel allein lese, weiß ich mich damit immer in die lange Tradition der christlichen Kirche mit unterschiedlichsten Frömmigkeitsformen gestellt.

Zuerst hörte ich die Worte des ewigen Lebens, als mir meine Eltern aus meiner Kinderbibel von Jörg Zink vorlasen.Dann im Bibelkreis mit pietistischer Prägung, oder in Freikirchen und Baptistengemeinden in Amerika während meines Highschooljahres. Später begegneten sie mir im Geistlichen Rüstzentrum Krelingen zusammen mit tendenziell evangelikalen Christen. In Leipzig hörte ich sie in hochliturgischen lutherischen Gottesdiensten oder Predigten der reformierten Tradition. In Philadelphia im ‚Seminary der Evangelical Lutheran Church in America‘ hinterfragten sie mich durch ‚Black Theology‘ und Feministische Theologie, aber auch in den ‚Meetings‘der Quäker kamen sie zu Wort.

Seitdem ist mir bewusst, dass mich die Worte des ewigen Lebens selten rein, sondern aufgrund meiner spezifischen Identität einer weißen, gebildeten, privilegierten und deutschen Mittelstandsfrau und meinem Status des ‚simul iustus et peccator‘ oft getrübt erreichen.

Ich glaube durch die Worte der Schrift, die Kenntnis meiner Tradition, meine Erfahrungen in christlichen Gemeinschaften und mein Theologiestudium, dass Jesus von Nazareth in besonderer Weise zu Gottes Wort und damit zu ewigem Leben für die Welt wurde. Darin war er ganz und gar den Worten der Thora und der Propheten verpflichtet. Er legte sie nicht nur aus, sondern lebte sie. So wie sein Leben untrennbar mit den Texten des ersten Testaments verwoben ist, so sind die beiden Testamente weder qualitativ noch irgendwie anders voneinander zu unterscheiden. Ihnen ist gleich, dass sie beide die heilige Geisteskraft brauchen, damit Gottes Wort, „was Christum treibet“ unter uns lebendig bleibt. 

In der Schrift stehen die Worte unseres alltäglichen Lebens, aber Gottes Geist verwandelt sie in Worte des Shabbats, des Shalom, sie werden zu Worten des ewigen Lebens. Das passiert nicht nur in den Lesungen und Predigten in Sonntagsgottesdiensten, sondern auch am Sarg in der Friedhofskappelle. Das erlebe ich, wenn ich Menschen zu Hause besuche und wir nach ihren Lebensworten suchen oder ich im Gefängnis einen Bibliolog leite.

Wenn ich in Gemeindegruppen mit Menschen über Bibelworte ins Gespräch komme, oder mit KonfirmandInnen Bibelgeschichten spielerisch erarbeite, passiert es nicht selten wunderbar  überraschend: Aus alltäglichem Leben wird ewiges Leben, aus Sorge wird Fürsorge, aus Trauer wird Trost, aus Demütigung wird Mut, aus Leid und Tod wird Auferstehung. Aber nicht an jedem Ort, nicht zu jeder Zeit, nicht für jeden Menschen gleich. Ich gehöre zu den Menschen der christlichen Tradition, für die es Bibelgeschichten und Bibelverse gibt, die in einem solchen Maße im alltäglichen Leben und damit in den Gesetzen der Welt verhaften bleiben, dass ich in ihnen kein Evangelium, keine Gnade, keinen Trost oder ewiges Leben finde.

Als Theologin und Pfarrerin brauche ich Kriterien, um Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden, weil ich meine Verkündigung und Lehre vor Gott und der Gemeinde verantworten muss. Ich tue dies im Bemühen, den Inhalt der jeweiligen Worte in ihren Entstehungskontexten zu  verstehen und prüfe die Schrift darauf,ob sich ihr Inhalt in unserem Kontext eher im Widerspruch zu, oder eher in Einheit und Konkretion mit dem uns überlieferten Evangelium Jesu Christi befindet. Das ist Theologie. Aber zu Theologie gehört mehr als Schriftexegese. Eindrücklich und gleichzeitig einfach hat das John Wesley in seinem  so genannten ‚Quadrilateral‘ dargelegt: Theologie basiert auf vier Grundlagen. Die erste ist die wichtigste: Die Schrift (‚scripture‘ )als ‚norma normans‘. Die zweite ist die Lehre der Tradition (‚tradition‘),die die Bekenntnisse beinhaltet und als ‚normanormata‘ und Verstehenshilfe der Schrift gilt. Die Ideen und Inhalte der Bekenntnisse müssen von den christlichen Gemeinden aber nicht nur als Wahrheit anerkannt oder gewusst, sondern auch erfahren werden (‚experience‘) und nachvollziehbar sein (‚reason‘). Diesem Verständnis von Schrift, Bekenntnis und Theologie, das ich in einem Lutherischen Seminary kennengelernt habe, schließe ich mich an.

Die Bekenntnisschriften: Wahrheitszeugen – aber Stückwerk

In meiner Glaubensbiographie gab und gibt es viele Bekenntnisse, weil ich mich mit vielen Frömmigkeitsstilen beschäftigt, in ihnen gelebt und sie studiert habe.

In Philadelphia meine ich endgültig verstanden zu haben, was die lutherischen Bekenntnisse „treiben“, weil dort mit ihnen Fragen des Gemeindelebens ganz praktisch beantwortet wurden. Auf diesem Weg habe ich das Lutherische Christentum schätzen gelernt. Als Pfarrerin, die ihren Dienst vorrangig seelsorglich versteht, sind mir die Lutherischen Soli ‚sola gratia‘, ‚sola fide‘, ‚sola scriptura‘ und ‚solus Christus‘ wichtige Grundlagen für meine Arbeit.

Auch das lutherische Abendmahlsverständnis ist mir aus diesem Grund wichtig geworden, weil es eben mehr als Versinnbildlichung ist, sondern gilt ‚Das ist …‘. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund erstaunlich,dass das Abendmahl für mich vor meinem Auslandsstudium keine Rolle spielte. Ich habe mich erst mit knapp fünfzehn Jahren taufen lassen und diese Entscheidung für das Christentum, vielmehr jedoch die Zusage dieses Sakraments trugen mich seither unvergleichlich durchs Leben. Da ich die so genannte „Lebensübergabe“ an Jesus aber erst ein Jahr später vollzogen habe, fühle ich mich auch mit meiner bewussten Entscheidung für die Taufe gleichzeitig doch als Kind, das heißt bedingungslos, getauft.

Das Leben und Glauben in mehreren „Wahrheiten“, die nebeneinander stehen, also in ‚juxtaposition‘ habe ich ebenfalls in Philadelphia kennengelernt. Dort wurden die ‚holy things‘ und ihre unterschiedlichen Bedeutungen genau so nebeneinander gefeiert:

Da stand die Kindertaufe und ihre tägliche Zusage neben der Entscheidung wieder zum Taufstein zu gehen, um sich ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen, die Wortpredigt und das Abendmahl wurden nacheinander abgehalten, um sich gegenseitig zu ergänzen. Laute hochlutherische Gottesdienste wurden von einem ehemaligen Taizébruder angeleitet, in der Mitte immer ein Tisch – oder ein Altar? – leer.

Als ich mich in Emden und Münster in universitären Symposien mit dem Heidelberger Katechismus und der reformierten Tradition beschäftigte, habe ich dort nicht nur einige Ähnlichkeiten zu meinen Erfahrungen in Freikirchen wiederentdeckt, sondern auch die Überzeugung und Einfachheit der Gedanken wiedergefunden, dass die Erinnerung reicht und Dinge des alltäglichen Gebrauchs, so wie sie sind: Wasser, Brot und Wein.

So ist es meinen unterschiedlichsten, teils widersprechenden Erfahrungen in christlichen Gemeinschaften und Begegnungen zu verdanken, dass ich nicht nur in allen Bekenntnissen ein Stückwerk Wahrheit und damit Orientierung erkennen kann, sondern sie in der Summe wertvoller erlebe als allein. In solch einer ‚juxtasposition‘ haben für mich alle Bekenntnisse meiner unierten Landeskirche, die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse, die Lutherischen und Reformierten Bekenntnisschriften ihren Wert. Sie alle eint das Bestreben, den Glauben zusammen zu fassen, wie er nach damaligen Verständnis aus der Schrift formuliert werden konnte. Zudem dienten sie alle der Einheit der Kirche und der Abgrenzung zu Irrlehren, was mir in all der wunderbaren Vielfalt der Theologien im Protestantismus weiterhin als unumgänglich scheint. Dies gilt auch für die‚Theologische Erklärung der Bekenntnissynode in Barmen vom 31. Mai 1934‘, der aus meiner Sicht bekenntnisähnliche Bedeutung zukommt.

Es kann ihn immer wieder geben, den ‚status confessionis‘ und dann wird es dadurch auch wieder notwendige, wenn auch schmerzhafte Spaltungen geben, wie auch die oben genannten Bekenntnisschriften sie verursacht haben. In ihnen allen sind zeitgeschichtliche Trübungen mit tragischen Auswirkungen zu finden, die die Ökumene viel zu lange belastet haben. Diese sind jedoch durch die Verlautbarungen der letzten Jahrzehnte ausreichend benannt oder zurückgenommen worden, so dass sie uns heute gleichzeitig Mahnmal und Ermutigung zu Positionierung und Diskussionskultur sind.

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