Impuls für Königstöchter Hahlen 9.10.2026.
Das kleine Herz hattes ich so gefreut auf den Urlaub. Dann – endlich Zeit. Endlich Zeit, mal in Ruhe zu frühstücken. Vielleicht ein Buch zu lesen, nicht nur durchs Handy zu scrollen. Oder mal etwas zu backen. Oder … . Ach, endlich Zeit. Ruhe. Nur tun, worauf es Lust hatte. Vielleicht sogar mal den Keller aufräumen, im Garten Unkraut zupfen, zum Grab von ihrem Mann gehen, sich zu ihm setzen. Oder Kleidung aussortieren, alte Freunde anrufen, Fenster putzen, endlich mal in Ruhe die Zeitungen lesen, wann hatte es das mal zuletzt getan … . Endlich Zeit, alles abzuarbeiten, was liegengeblieben war. In Ruhe. Das kleine Herz hatte sich so auf seinen Urlaub gefreut. Und jetzt waren die ersten Urlaubstage schon vorbei. Das kleine Herz saß bei seinem ersten Kaffee am Morgen. Und wollte nichts. Fühlte nichts. Wie die Tage auch zuvor. Die Freude war weg. Das Wetter war in Ordnung, daran lag es nicht, aber: Keine Kraft, keine Lust. Leere. Endlich Zeit – und nun? Eine Nachricht vom Sohn auf dem Handy. Das kleine Herz drückte sie weg. Wie auch die von ihrer Tochter gestern. Das kleine Herz wurde wütend. „Lasst mich doch mal in Ruhe, das ist meine Zeit, ich habe euch so viel Zeit gegeben, ich liebe euch, aber ich, ich kann nicht mehr!!! Und das ist meine Zeit jetzt!“
Wo kam das denn her? Das kleine Herz war sonst nie wütend, jetzt merkte es, wie tief in ihm drin ein Vulkan zum Leben erwachte. Das kleine Herz stand auf, kerzengerade und freute sich über die Wut. Endlich ein Gefühl, keine Leere mehr, endlich wieder Kraft. Voller Wut putze es vier Stunden lang die Fenster, schweißgebadet sank es in seinen Lieblingssessel. Ließ seinen Blick schweifen. Die Karten zu seinem Geburtstag vor einem Monat standen nach der Putzaktion nicht mehr richtig auf der Fensterbank. „Die hab ich auch noch nicht in Ruhe gelesen“, schoss es dem kleinen Herz durch den Kopf. Und lief zum Fenster. Die Karte von der Pastorin. „Weil ich Ehrenamtliche bin, weil ich so viel für die Gemeinde mache, deshalb eine Karte“, dachte das kleine Herz. „Weil ich so viel mache. Deshalb.“ Es schaute auf die Vorderseite. „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.“ (Spr. 4,23)
Es klang wie Hohn. Der Vulkan setzte zu einem neuen Ausbruch an. „Ich bin doch wohl schon fleißig genug!“ Alles, was quillte, was sprudelte, war erneut: Wut, Ärger, Ohnmacht. Das kleine Herz wollte sich auf den Boden schmeißen und schreien, wie ihr kleiner Sohn als er vier Jahre gewesen war und im Supermarkt nicht bekam, was er wollte. Statt sich auf den Boden zu schmeißen, schleppte sich das kleine Herz ins Badezimmer. Vielleicht half eine Dusche nach all der Putzerei auch gegen die Wut. Als das warme Wasser lief, flossen auch die Gedanken. „Behüte dein Herz“, dachte es. „Behüte dein Herz. Klar, ich geb zu viel, aus mir fließt zuviel oder: Die anderen saugen mich aus. Meine Familie, meine Gemeinde – mein Haushalt, mein Garten. Ich lass zu viel an man mich ran, vor allem, was die anderen brauchen. Und ich krieg zu wenig. Ich MUSS haushalten mit dem, was in mir ist. Ich MUSS mehr auf mich selber achten, ich MUSS Grenzen setzen. Endlich wirklich richtig.“ Das kleine Herz hatte eine Idee. Andere fuhren in den Urlaub! „Ich habe ja noch über eine Woche Urlaub!“ Da musste doch was gehen. Last Minute und so. Das kleine Herz trocknete sich ab, zog sich an, lief zur Reiseagentur.
„Na, ob ich da jetzt so schnell für Sie und ihre ganze Familie im Center Park noch was bekomme“, sagte die Frau, nachdem das kleine Herz seine Reisedaten genannt hatte. „Nein“, lachte es. „Ich will alleine weg, kein familienfreundlicher Urlaub bitte.“
„Ok, wohin soll es denn dann gehen?“
„Egal, aber es wäre gut, wenn da nicht so viele Menschen wären.“
Das kleine Herz saß im Flieger und trank Tomatensaft. Neben ihm saß ein Mann und machte schlechte Witze – auf Kosten von anderen. „Das mag ich nicht“, dachte das kleine Herz, „davor will ich mich behüten. Das mag ich nicht, das ist ja wie das Gerede in der Nachbarschaft, immer auf das gucken, was die anderen nicht so hinkriegen, nicht haben, ach, das stößt mich ab. Das ist Schadenfreude, das ist sich selber erheben und andere niedermachen.“ Das kleine Herz tat so, als ob es Musik hörte und hörte doch, was sein Sitznachbar von sich gab.
Das kleine Herz saß am Strand und genoß das letzte Eis der Saison. Es sah an sich runter. Auch dieser Sommer hatte es keine Bikini – oder Badeanzugfigur gehabt. „Ich will mich hüten, mich deshalb jetzt wieder so zu fühlen wie ich das all die Jahre zuvor getan hatte. Weniger wert, weil ich mehr wiege.“ Das kleine Herz bestellte noch ein Spaghetti-Eis. Denn morgen würden alle Tourismusgeschäfte in den Betriebsurlaub geben.
Das kleine Herz saß an seinem kleinen Tisch in seinem Hotelzimmer. Die Bücher dort hatte es durchgeblättert, nix dabei. Es hielt die Langweile nicht mehr aus. Und suchte den deutschen Sender. Nachrichten. Das kleine Herz konnte nicht wegsehen. Da war so viel Gier, so viel Lüge, so viel Egoismus, so viel Machtgehabe, so viel Ungerechtigkeit, Gewalt, Krieg, Verhandlungen ohne Ergebnisse oder Frust und Tod und Leid. Das kleine Herz wurde immer kleiner. Und ängstlicher und trauriger. Das kleine Herz guckt weiter.
Das Handy vibrierte, es guckt weiter.
Das Handy vibrierte, es guckte weiter.
Es musste auf die Toilette, es guckte weiter und merkte, wie es innerlich etwas zerriss.
Wie konnte man in so einer Welt leben? Ja, in den Urlaub fahren?
Das Handy – das kleine Herz ging dran.
„Mama! Lebst du noch!??“
„Ja“, sagte das kleine Herz leise.
„Gut. Wo bist du, warum meldest du dich nicht, was ist denn los?“
„Ich bin im Urlaub.“
„Was?“
„Im Urlaub bin ich.“
„Warum?“
„Ich behüte mein Herz.“
„Aber es ist doch Papas Todestag, da gehen wir doch immer zu seinem Grab und danach kochst du sein Lieblingsessen und dann… .“
„Dieses Jahr nicht“. Das kleine Herz erschrak über seine Worte und spürte, wie etwas zerbrach.
Ihm kamen die Tränen, es nahm alle Kraft zusammen und sagte: „Ich melde mich, wenn ich zurück bin, ja? Mach dir keine Sorgen. “
Es legte auf und weinte bitterlich.
Er fehlte ihr immer noch. Aber nicht auf dem Friedhof.
In der allertiefsten Ecke fehlt er, so, dass es so oft schon gar nicht mehr zu spüren war.
Aber jetzt.
„Ich bin so allein ohne dich“, sagte das kleine Herz zu ihrem toten Mann und schluchzte ein letztes Mal.
Stellte den Fernseher aus und ging ins Bett und schlief eine Nacht unruhig.
Am nächsten Tag wachte das kleine Herz auf, machte sich einen Kaffee und dachte wieder über den Bibelvers nach.
Behüte dein Herz mit Fleiß, denn daraus quillt das Leben.
Mit Nachrichten gucken ging das nicht. Nicht nochmal so wie gestern zumindest
Da sprudelten nur die Verzweiflung und die Ohnmacht, daraus quoll kein Leben.
Behüte dein Herz mit Fleiß, denn daraus quillt das Leben.
Mit Trauer in der tiefsten Ecke des Herzens, wie sollte das da gehen?
Da sprudelten die Tränen und die Einsamkeit – und die Sehnsucht, wenn man sie ließ, bittersüß, nach vergangenen Zeiten.
Behüte dein Herz mit Fleiß, denn daraus quillt das Leben.
Ob das mit einem Urlaub, mit Zeit nur für sich, ging?
„Ich fühle mich nicht besonders lebendig“, dachte das kleine Herz und wünschte sich in seinen Sessel zuhause zurück.
„Je länger ich Zeit für mich habe, je mehr ich mich behüte und abschotte, desto weniger Leben habe ich, fließt in mir.“
Das kleine Herz fühlte sich elend und … taub.
„Ein bisschen wie tot sein ist das“, dachte es und spürte, wie ihm ganz kalt wurde, erst an den Füßen und Händen, dann bekam es eine Gänsehaut.
„Sterbe ich?“, fragte sich das kleine Herz und dachte:
„Nein, wenn ich so panisch werden kann, kann ich noch nicht tot sein. Oder? ODER?“
„Nein“, sagte eine Stimme, „du bist nicht tot. Niemals. Ich bin immer bei dir.“
„Wer bist du?“, fragte das kleine Herz.
„Ich bin das Leben“, sagte Jesus. (Joh 14,6)
„Ach, du“, das kleine Herz spürte, wie ihm wärmer wurde. „Du bist da.“
„Ja, immer.“
„Auch wenn ich tot bin?“
„Auch dann!“
„Aber ich bin nicht tot?“
„Nein, du bist nicht tot. Du bist nur taub, gefühlslos. Du bist abgelenkt, deine Kraft ist überall hingeflossen, du bist ausgeblutet… . Aber ich war da und ich bin jetzt hier, um dir neues Leben einzuhauchen.“
„Zu hauchen?“
„Ja. Ich müsste dir schon ganz nah kommen – darf ich das?“
Das kleine Herz war schon lange nicht mehr geküsst und geherzt worden und merkte nur, wie ein ganz großes JA in ihm jubelte.
Dem kleinen Herz wurde ganz warm, von innen, auch da in der allerletzten Ecke, wo die Trauer war, war Wärme.
„Magst du mich?“, fragte das kleine Herz.
„Ja, sehr.“
„Auch wenn ich nicht weiß, wie ich mein Herz behüten soll?“
„Auch dann. Ich bin nämlich nicht nur das Leben, ich bin auch die Wahrheit.“
„Und was ist die Wahrheit?“
„Dass ich dir gerade alles eingehaucht habe, was du brauchst.“
„Und das wäre?“
„Den Geist der Liebe, Kraft und Besonnenheit.“ (2 Tim 1, 7)
Das kleine Herz war enttäuscht: „Damit bin ich schon mal leergelaufen.“
„Mag sein“, sagte Jesus. „Selbst wenn. Das ist nicht schön, aber auch nicht schlimm. Damit es dich beruhigt: Diesmal habe ich ein wenig mehr Besonnenheit für dich dazu gehaucht.“
„Wieso das denn?“
„Damit du ein wenig besonnener mit deiner Liebe und deinem Mitgefühl, mit deiner Sorge und Pflege für die anderen umgehst und auch was für dich und mich übrig bleibt. Es geht nicht darum, dich abzuschirmen oder abzuschotten. Das behütet dein Herz nicht, du musst doch fühlen und geben und nehmen. Du musst lieben, du bist ein Herz, aber liebe etwas besonnener.“
„Mehr Besonnenheit“, murmelte das kleine Herz. „Was habe ich dafür weniger bekommen? Kraft? Weil ich langsam älter werde??“
„Nein“, Jesus lächelte. „Nichts weniger. Aber du hast ganzschön durchgepowert, wie so viele von euch Menschen: „Hetzen, hechten durchs Leben, damit es möglichst schnell vorbei ist… . Also mehr Besonnenheit – damit du nicht über deine Kräfte gehst. Damit du dir nicht zu viel zu Herzen nimmst, was dir das Herz nur schwer macht. Davor behütet dich Besonnenheit.“
„Also MUSS ich mehr nachdenken und besser abwägen?“
„Du kannst“, sagte Jesus.
„Ich kann“, sagte das kleine Herz.
„Ja, du kannst besser mit dem Herzen darüber nachsinnen.“
„Wirklich?“
„Ja! Hörmal auf dich zu stressen und stressen zu lassen.“
„Hör du mal auf! Ich bin schließlich in den Urlaub gefahren“, sagte das kleine Herz leicht trotzig.
„Du bist geflüchtet, meine Liebe, du hast dich verkrochen, aber du hast Recht. Hier ist die Ruhe, die du gebraucht hast.“
„Ich bin auf einem guten Weg?“
„Ich bin der Weg, ja“, sagte Jesus. „Schotte dich nicht ab, geh, fahr, flieg zu den anderen zurück, aber vergiss das nicht: Ich gebe dir, was du brauchst – du kannst es. Du hast genügend Liebe und Kraft und Besonnenheit.“
„So einfach?“
„Hm“, sagte Jesus.
Das kleine Herz lächelte und fühlte sich nicht nur warm, sondern auch weicher. Und größer.