Predigt mit Bibelerzählungen über Lukas 17, 11-19 im Rahmen des Präsentationsverfahrens/Probegottesdienstes der verbundene Pfarrstelle in Bergkirchen und Oberlübbe-Rothenuffeln, 10.9.2023
Joschua
„Mein Name ist Joschua.
Ich erinnere mich noch genau
an den Blick meiner Mutter, als sie den Ausschlag sieht.
Ihre Augen weiten sich, sie will die Stelle genauer ansehen – aber dann zwingt sie sich nicht zu mir zu gehen.
Sie steht nur zwei Meter von mir entfernt, doch es fühlt sich an wie ein 200 Meilen und jede Sekunde kommt ein Meter hinzu.
Es ist das letzte Mal, dass ich ihre Augen so klar sehe, sie füllen sich mit Tränen, sie wendet sich ab.
Und ich weiß, mein Leben, wie ich es kenne, ist verloren.
Meine Familie packt mir ein paar Dinge zusammen, unser Haus betrete ich nicht mehr.
Ich verlasse das Dorf und bin froh, dass ich so wenigen Menschen begegne, die mich jetzt nicht mehr als begabten Handwerker, als guten Sohn, als gerechten Jungen, als Joschua sehen.
Jetzt bin ich nur noch ein Aussätziger, ein Außenseiter, ein zu den anderen vor dem Dorf Verstoßener, einer von den Unreinen, den Verdammten, die sich niemand mehr nähern dürfen, weder Mensch noch Gott.
Zuerst habe ich gedacht, daran gewöhne ich mich nie.
Mitleidig angeguckt werden und gleichzeitig so neugierig, wie eklig meine Haut jetzt schon wieder aussieht.
So gemieden werden und trotzdem ihr Flüstern hören. Sehen, wie sie zum Tempel ziehen, feiern, Gott loben, trotz allem.
Doch dann, dann habe ich mich irgendwann damit abgefunden. Mit den Schmerzen, dem Juckreiz, der Verzweiflung, der Einsamkeit.
Jeder Tag ist anstrengend genug.
Nachts schlafe ich schlecht, habe Angst, dass man jemand mir meine wenigen Sachen stiehlt, tagsüber bettele ich um Essen.
Immer wieder hören wir, dass andere geheilt werden, wieder rein werden, wieder in den Tempel und zu ihren Familien dürfen, wieder leben dürfen.
Immer wieder reisen Heiler und Wundertäter durch unsere Dörfer.
Lange bin ich ihnen entgegen gelaufen, mit den anderen, habe gerufen, um Erbarmen,
um Hilfe. Doch dann sehe ich es in ihren Augen – auch sie weichen vor mir zurück und ich weiß, das sind keine Heiler. Das sind Scharlatane, die tun nur so als hätten sie keine Angst vor uns.
Seitdem lasse ich die anderen vorlaufen und verstecke mich, halte mich im Hintergrund.
Aber ich höre, was geredet wird und dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich glaube und tue, was sie sagen.
Heute soll dieser Jesus von Nazareth kommen.
Die anderen laufen hin, ich lasse mich zurückfallen. Und kann meinen Ohren kaum trauen.
Sie sollen zu den Priestern gehen? Wahrscheinlich auch noch im Tempel?!
Das ist das Allerletzte was ich tun werde!
Mich mit meinen Wunden zeigen! Mein Aussatz ist doch genau das, weshalb ich da nicht mehr hindarf! Das ist doch genau das, was ich so gerne verstecken würde, wenn ich nur könnte! Das ist eine Falle.
Da werde ich doch nur wieder weggejagt, eine weitere Demütigung ertrage ich nicht.
Nein, zu den Priestern, zu Gott gehe ich erst, wenn ich geheilt bin … .
Was die anderen wohl erzählen werden?
Wo bleiben sie denn?
Dieser Jesus, der hatte keine Angst in den Augen. Dieser Jesus ist den anderen 10 Aussätzigen näher gekommen als mir meine Mutter, damals an dem Tag meiner Verbannung.
Was, wenn die anderen nicht wiederkommen?“
Instrumentalmusik
Jeremias
„Ich bin Jeremias
Am schlimmsten finde ich das Betteln.
Das ist mein Albtraum.
Dass ich nur hier sitzen kann und betteln, ich bin zu nichts nutze.
Das habe ich nicht verdient.
Ich hätte das Recht auf das Stück Land meiner Familie gehabt. Und den Esel und eine gute Frau und Kinder.
Aber jetzt das. Ich halte dieses Betteln kaum aus, das finde ich so erniedrigend, ich will nicht bedürftig sein – und ich hasse es, abhängig zu sein.
Nie würde ich von den anderen Aussätzigen etwas annehmen, kein Stück Brot, keine Hilfe, nachher muss ich noch was zurückgeben.
Das ist das letzte Stück Würde, was mir bleibt.
Sie sagen, wir Ausgegrenzten müssen zusammenhalten, aber eigentlich kämpfen wir doch alle nur für uns selbst.
Ich schäme mich so, wenn ich bettele.
Wie konnte Gott mir das antun?
Wenn ich ehrlich bin, seit ich die Flecken auf meiner Haut bemerkt habe, glaube ich nicht mehr an Gott oder an Gerechtigkeit.
Wenn es Gerechtigkeit gäbe, dann wäre ich nicht hier.
Was hab ich denn falsch gemacht? Nichts, was die anderen nicht auch machen.
Ich würde alles tun, um geheilt zu werden, ja, das würde ich.
Aber dass ich darum bitten muss, finde ich schlimm.
Ich spule das so runter, ich mache da so mit.
Wie betteln, da kommen mir die Worte inzwischen auch automatisch aus dem Mund.
Gleich kommt dieser „Jesus“ durch unser Dorf.
Ist mir egal, wie er heißt, der nächste „Heilsbringer“.
Hauptsache, er zieht eine Menschenmenge an und die schmeißen uns was hin.
Wir bewegen uns zu ihm hin, wir rufen, wir schreien. Und Jesus sieht uns an.
Auch mich, so als ob er wüsste, dass ich ihm nichts von seiner Show glaube.
So als ob er versteht, dass ich mich nur noch auf mich verlasse.
Zumindest nickt er mir so verstehend zu.
Das hätte ich nicht erwartet.
Und dann sagt er, wir sollen uns den Priestern zeigen.
Ich merke meine Wut!
Der wird uns auch nicht helfen, er kann es nicht!!!
Ich kann mir nur selber helfen.
Dem werde ich es zeigen!!
Die Menschenmenge macht uns den Weg frei, die anderen folgen mir.
Es tut gut, dass ich was tun kann. Selber gehen. Überraschend gut tut das.
Meine Wut wird kleiner, gar kein schlechte Idee von diesem Wanderprediger, dass wir GEHEN sollen.
Mit jedem Schritt gehe ich aufrechter, ich traue mich zu den Priestern, ich traue mich zurück ins Leben, das ich verdient habe.“
Instrumentalmusik
Aaron
„Ich bin Aaron.
Die Wahrheit ist, ich habe erst durch meine Krankheit verstanden, wer ich bin und was im Leben zählt.
Erst seit ich hier vor dem Dorf lebe, ist mir klar, wie sehr ich mit anderen Menschen verbunden bin. Wie sehr wir einander brauchen.
Damals im Dorf und in der Familie und auch jetzt hier vor den Toren.
Erst jetzt sehe ich, wie viel Segen ich hatte und habe. Gar nichts ist selbstverständlich.
Nicht mein Leben, nicht meine Gesundheit, nicht die Sonne jeden Morgen oder der Wind,
der uns die schmerzende Haut kühlt, nicht das Brot, das uns satt macht.
Nicht der Friede, nicht die Freundlichkeit.
Es ist nicht schön, was jetzt ist, ich vermisse mein Leben vor diesen Hautveränderungen,
aber ich hab damals nie gewusst, wie gut ich es habe.
Jetzt weiß ich es, wenn jemand mir einen menschlichen Blick zuwirft, richtig warm wird mir dann.
Wenn jemand mir ein Stück Brot hinlegt, – Brot war noch nie so gut.
Wenn mir jemand meine Wunden verbindet, mehr recht als schlecht, aber immerhin, ein wenig Linderung.
Es hört sich vielleicht komisch an, aber ich froh, dass ich noch lebe.
Und überall nach Kleinigkeiten suche, die mir Gutes geschehen.
Ich finde immer mehr, wofür ich dankbar bin – obwohl mir so viel weh tut und ich oft so alleine bin.
Das hat wohl auch mein Betteln verändert.
Ich schreie nicht mehr so, ich bedränge niemanden mehr, ich bitte einfach um das, was mir fehlt, ganz freundlich, damit sie wissen, sie dürfen auch Nein sagen.
Vorgestern kam jemand zwei Stunden später zurück zu mir und gab mir was. Da hatte ich so viel, dass ich den anderen etwas abgeben konnte. Das ist auch ein schönes Gefühl. Die Dankbarkeit in den Augen derer zu sehen, die zu schwach zum Betteln sind.
Das ist schöner als sich auf das trockene Brot morgen zu freuen.
Sowieso: Ich nehme jeden Tag aus Gottes Hand.
Das macht so vieles leichter.
Ich wünschte, ich hätte das vorher so gewusst, das Leben wäre so viel besser gewesen.
Aber immerhin weiß ich es jetzt. Und jetzt ist alles, was zählt.
Dieser Jesus soll kommen und ich freue mich, wenn ich ihn mal kurz sehen kann, ich habe schon viel von ihm gehört.
Wir zehn haben einen guten Platz – und den nimmt uns hier auch niemand weg.
Hier muss er vorbei.
Die anderen rufen und bitten und betteln so laut sie können, ich lächele ihn an und bitte,
ja singe beinahe, freundlich: „Jesus, lieber Meister, erbarme dich.“
Jesus guckt uns unbeeindruckt an und sagt: „Geht und zeigt euch den Priestern.“
Die Verwirrung der Menschen um uns herum ist zu spüren, die Enttäuschung von Joschua,
der sich im Verborgenen hält genauso wie die Wut von Jeremias neben mir.
Ich bin ganz ruhig und gehe Richtung Dorf.
Links von mir stapft Jeremias neben mir her. Und dann ist dieses Gefühl überall. Warm, hell, etwas fällt etwas von mir ab. Gott sei Dank! Ich will nur noch zurück zu Jesus.
Ein Lied von früher kommt mir in den Sinn, ich singe laut von Gottes Taten.
Dahinten sehe ich Jesus noch, die anderen lassen mich durch, ich falle vor Jesus auf die Knie und beuge meinen Kopf, ich danke ihm.
„Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?“ fragt Jesus und sagt zu mir:
„Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“
Dankbarkeit
Vielleicht – vielleicht ging es drei Aussätzigen damals so?
Ich habe Ihnen die Brisanz, das, was man vielleicht nicht auf den ersten Blick in der Bibelerzählung aus Lukas 17 liest, in die Erzählungen von Joschua, Jeremia und Aaron gelegt.
Dankbar leben und glauben – das fängt nicht erst beim Danken, beim Loben an.
Dankbar leben, das ist eine Haltung,as ist eine komplette Sichtweise auf das Leben.
Das sieht man am Denken, Glauben und Handeln von Joschua, Jeremias oder Aaron.
Natürlich sind das Stereotypen, aber sie zeigen: Es ist spielt eine Rolle, wie wir geprägt wurden durch unser Leben.
Es spielt eine Rolle, was bei uns gerade los ist. Denn das hat oft genug Einfluss darauf, welche Haltung wir einnehmen und welche Sichtweise wir einüben wollen. Unsere Lebensgeschichte und Sichtweise sind die Grundlage dafür, wie dankbar wir dabei sind.
Dankbar leben ist eine Haltung und die fällt vielen leider erst leichter, wenn sie Not erfahren.
Es ist so viel leichter zu bitten, wenn man nichts mehr beschönigen kann, keine Alternative mehr hat – man braucht Hilfe, man braucht Gott, ein Wunder, wie Aaron, der Samaritaner.
Wer sonst auch gut alleine klarkommt, beißt lieber die Lippen zusammen bis es partout nicht mehr geht.
Selbständigkeit ist ein sehr hoher Wert in unserer Gesellschaft, und auch für Jeremias.
Wer um Hilfe bittet, kann komische Ideen zu hören bekommen.
„Zeig dich wie du bist mit dem was dich sonst trennt von den anderen und Gott!“
Hui!
Ja, Menschen, die ihre Narben zeigen, erzählen, wie sie eine Krise gemeistert haben, bekommen oft Bewunderung.
Aber Menschen, die ihre Wunden zeigen, das, wo es wehtut, sich ganz verletzlich zeigen – das ist schon besonders und kann Angst machen, nicht nur Joschua.
Und deshalb ist es so heilig, dass die 10 Aussätzigen trotzdem losgehen.
Alleine, ohne Jesus, ganz selbstständig übrigens. Er zeigt ihnen „nur“ den Weg.
Es ist es so heilig, weil sie erleben, sie müssen nicht makellos sein, um zu Gott zu kommen oder Freunde und Familie zu haben.
Es ist genau andersherum. Sie werden rein, sie werden ganz und heilig, weil sie sich auf den Weg trauen zu den Priestern und zu Gott, mit ihren offenen Wunden.
Mit ihrer Einsamkeit, ihrer Enttäuschung, mit ihrem Misstrauen, ihrer Selbstgerechtigkeit – oder auch Hoffnung.
Ich kann es mir nicht anders vorstellen – in diesem Moment müssen sie Dankbarkeit gespürt haben, ob sie daraus eine andere Haltung entwickeln, ihre Sichtweise ändern, ist ihre Entscheidung.
Und wir?
Ob die zehn Aussätzigen Nachahmer finden, damals und heute – ich weiß es nicht, aber ich wünsche es mir sehr!
Ich glaube, deshalb hat es diese Begebenheit in die Bibel geschafft. Damit auch wir wagen zu denken und zu leben:
Ich kann vieles alleine tun – und das soll ich auch – aber ich kann mir nur sehr sehr wenig selber geben, was das Leben lebenswert macht.
Nicht mal meine Selbstständigkeit. Das meiste ist mir geschenkt.
Vor allem das, was heilig ist, so angenommen zu werden, wie ich bin, Macken und Schlimmeres inklusive.
Und immer wenn das passiert, dann macht das nicht abhängig, sondern frei, das macht nicht klein, sondern wird zu einem großen Gefühl, das sofort raus muss.
Das ist ein Strahlen, das man sieht, eine Melodie, vielleicht einfach ein großes, lautes DANKE!
Und immer endet es in einem: STEH AUF!
Um das nicht zu vergessen, um diese Haltung zu üben, schreiben manche Menschen Danktagebücher, damit sie das Bitten und Danken nicht vergessen.
Und sie schreiben auch auf, was sie bekommen haben, wofür sie nicht gebeten haben.
Andere beten anders, bauen kleine Erinnerungsaltäre, so wie Jakob aus Stein oder ich aus Krimskrams, die mich an heilige Momente erinnern, an denen ich mich gezeigt habe, bedürftig oder einfach über alle Maßen beschenkt worden bin.
Aber so wie ich bin, gewöhne ich mich schnell an diesen Krimskrams – und bei diesen Tagebüchern schaffe ich höchstens 4 Tage!
Ich bin kein „Profi im Dankbarleben“ – aber ich wäre gerne einer wie Aaron.
In der Kirche zu sein, mit anderen zu glauben ist mein Trainingsplatz. Denn alleine üben war noch nie mein Ding.
Mit Ihnen zusammen möchte ich das Dankbarsein üben.
Bei meiner Ordination habe ich das versprochen. „Hilf den Menschen dankbar zu leben.“
Aber ich brauche auch Ihre Hilfe. Ich möchte von Ihnen lernen, mit Ihnen erinnern, dass wir verbunden sind. Ich möchte mich Ihnen zeigen, mit Ihnen bitten, von Gott empfangen, Sie sehen, teilen, geben.
Ich hoffe, Sie haben auch Lust dazu?!!
Der Friede Gottes, der höher ist als all unser Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.