Narrative Predigt 13.10.24 Bergkirchen und Haddenhausen
Das kleine steinerne Herz hatte eine Krise.
„Nichts gilt mehr“, seufzte es.
Die Kraft Gottes, auch Heiliger Geist genannt, schaute es fragend an: „Wie meinst du das?“
„All die guten Gebote – so einfach, so schön – was ist daraus geworden? Kaum rufe ich sie in Erinnerung, sagt jemand ein großes ABER und ich habe das Gefühl, ich löse mich auf, ich bekomme Risse, ich werde weich.“
„Oh“, antwortete die Kraft Gottes, „erzähl mir mehr.“
„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die letzten Jahre – ach was sag ich – Jahrzehnte waren eine Katastrophe!“
Die Kraft Gottes lächelte dem kleinen steinernen Herz ermutigend zu, damit es weiter redete.
Das atmete tief ein: „’Du sollst nicht töten‘. Das ist doch das Einfachste der Welt. Das kann man doch mal einfach so machen. Da spricht doch überhaupt nichts dagegen. Das ist doch für alle gut. Das sag ich immer und dann nicken auch alle und ich denke, ja – seht ihr, die Gebote sind gut und wichtig und …,“ das kleine steinerne Herz atmete nun schwer und „… und dann, dann kommt so ein Angriff. Auf die Ukraine. Und plötzlich sind Waffenlieferungen die Lösung! Was meinen die denn, was mit denen gemacht wird? Waffen sind zum Töten da! Das ist ganz einfach: Die darf man nicht bauen, die darf man nicht haben, die darf man nicht benutzen.“
Die Kraft Gottes sah das steinerne Herz an: „Niemand hat gesagt, dass Waffenlieferungen die Lösung sind. Viele haben nur gesagt, dass sie das Gebot der Stunde sind.“
Das kleine steinerne Herz schnaubte: „Gebot der Stunde – ändert sich dieses schöne, einfache, logischstes Gebot jetzt also stündlich, ständig? Das ist genau das, was ich meine – nichts ist mehr in Stein gemeißelt, ständig gilt was Neues. Selbst Melania Trump spricht sich jetzt für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch aus! Was ist das denn für eine Welt? Früher war es völlig klar – das ist Tabu, das darf nicht. Eben: ‚Du sollst nicht töten‘.“
Die Kraft Gottes nickte: „Und heute sieht man eben auch das Leben der Frau, man sieht auch ihre Gesundheit, körperlich und seelisch, man sieht die Umstände … .“
Das kleine, steinerne Herz unterbrach die Kraft Gottes: „Wieso sieht man denn jetzt auf die Frau? Man muss doch auf das Gebot schauen! Das ist genau das, was ich meine! Ich sage: ‚Du sollst nicht töten.‘ Und die anderen sagen: ABER die Frau.“
Die Kraft Gottes hatte einen Vorschlag: „Wie wäre es denn, wenn man sagt: Die Frau, ihr Leben, das Leben in ihrem Körper UND das Gebot.“
Das kleine steinerne Herz schüttelte energisch den Kopf und sagte wütend: „Dann hält sich doch keiner dran! Das Gebot muss an erster Stelle stehen!
Die Kraft Gottes sah es ganz ruhig and sagte mit klarer Stimme: „Nein, das Leben muss an erster Stelle stehen.“
„Das ist doch damit gesagt!“ Das kleine steinerne Herz zitterte vor Wut.
„Ja, da hast du Recht, das meint dieses wunderbare einfache, kurze wichtige Gebot. ABER wenn es hart auf hart kommt, wenn das Leben ein Dilemma ist, dann beantwortet es nicht, wessen Leben an erste Stelle steht – und diese Frage kannst und sollst du nicht übergehen. Du bist ein Herz.“
Das kleine steinerne Herz war kurz davor, zu explodieren: „Dieses ABER, dieses furchtbare ABER ist das Problem, es macht alles kaputt! Die Gebote, mich, alles!“
Die Kraft Gottes legte die Hand sanft neben das kleine steinerne Herz: „Kleines Herz, dieses ABER ist das Verstehen, das Erkennen, dass beides zusammen gehört. Der Embryo und die Frau, der Angriff UND die Waffenlieferung, dieses ABER ist der Weg zum UND, zum Mitgefühl, zur … .“
Das kleine steinerde Herz unterbrach die Kraft Gottes schon wieder: „Fass mich nicht an! Und: Ich will kein Mitgefühl!“
„Doch das brauchst du,“ sagte die Kraft Gottes „komm, leg dich in meine Hand. Da gehörst du hin.“
„Das will ich nicht!“, schrie das kleine steinerne Herz, „du sollst mich stark machen, hart, steinhart, die Gebote sollst du wieder aufrichten, du sollst … .“
„Ich soll nur eins,“ sagte die Kraft Gottes, „dich mit Leben füllen, damit du die Gebote mit Liebe füllen kannst, denn sonst sind die Menschen verloren, wenn sie in schwierige Situationen kommen, besonders dann, wenn sie in ein Dilemma geraten und egal, wie sie sich entscheiden, jemand verletzt oder sogar getötet wird. Deshalb komm in meine Hand, kuschel dich bei mir ein. “
„Oh Gott, nein, dann werde ich ganz weich,“ flehte das kleine steinerne Herz, „dann, dann muss ich genau hinhören, auf alle sehen, dann muss ich verstehen, warum Gebote gebrochen werden müssen, dann dann dann … zerbreche ich am Leben.“
„ABER,“ sagte die Kraft Gottes, „ABER du tust es in meiner Hand. Für die Gebote.“
Das kleine steinerne Herz spürte, es gab kein Zurück mehr. So ging es nicht mehr weiter. Es spürte, es spürte viel zu viel, um nur Stein zu sein. Es legte sich ganz vorsichtig in die Hand der Kraft Gottes – und zerbrach endgültig.
Und staunte – nur seine Schale war aus Stein gewesen. Unter der dicken Schutzschicht aus Stein war mehr. Und das wuchs. Aus dem kleinen steinernen Herz wurde zuerst ein lebendiges, dann ein liebevolles, dann ein großes Herz.
Und nein, ein lebendiges, großes Herz zu sein, das war nicht immer so leicht wie die Streitigkeiten damals auf dem Feld.
Als die Jünger Jesu auch am Sabbat Hunger hatten und deshalb Körner sammelten.
Das war für das lebendige Herz im Rückblick ein klarer Fall.
Also kein wirkliches Dilemma. Kein Entweder – Oder Problem. Das war einfach nur kaltherzig von den Pharisäern gewesen.
Das große lebendige Herz machte es traurig, dass die Jünger Jesu scheinbar manchmal so hungrig waren, dass sie am Sabbat ernten, für ihr Überleben sorgen mussten.
Nein, es war nicht leicht.
Das alles zu sehen, zu hören, zu verstehen.
Die schönen, klaren Gebote – UND dann das Leben.
Oft war das große, lebendige Herz nun traurig, weinte mit, wenn Menschen sich entschieden. Für das eine Leben und gleichzeitig gegen das andere Leben.
Es weinte mit, mit den Staaten und Politikern, die den Frieden wollten und sich mit Waffen verteidigen mussten.
Mit den Frauen, die schwanger blieben – oder nicht.
Und in all den anderen Fällen auch.
Das große lebendige Herz weinte mit, wenn Menschen sich scheiden ließen, weil sie erkannten, dass ihre Ehe schon lange zerbrochen war.
Es weinte mit, wenn Kinder ihre Eltern nicht ehren konnte und nach langem Ringen den Kontakt abbrachen.
Das große, lebendige Herz weinte mit, weil es sah und hörte und verstand, dass viele Menschen, selbst Menschen, die nicht Christinnen und Christen waren, die Gebote nicht schlecht fanden – im Gegenteil sie sogar liebend gerne halten wollten – es ihnen nur in ihrer besonderen und auch oft schweren, traurigen Situation nicht liebevoll erschien, sich daran zu halten.
Das große, lebendige Herz weinte mit und wenn es dachte: „Das ist zu schwer, die Verantwortung für diese Entscheidung zu tragen“, dann spürte es die Hand, die es zärtlich hielt.
Es fühlte die Liebe und Kraft Gottes unter sich und um sich und kuschelte sich ein.
Und weil es mitweinte, mitfühlte, hinsah und zuhörte, spürte es, was für ein guter Startpunkt die Gebote waren -und wie gut es tat, sie mit Liebe zu füllen -auch wenn es bedeutete, die Gebote dann zu brechen und nur die Hoffnung, nicht die Gewissheit zu haben, dass es dem Leben besser diente.
Und wenn es mitweinte, mitfühlte, hinsah und zuhörte, dann meinte es nicht selten zu sehen, dass die Menschen dachten:
„Das war wie ein Besuch Gottes.“
Drei sagten sogar: „Du bist ja ein Engel.“
Und einmal sagte sogar einer was, worüber das große Herz noch länger nachdenken musste: „Du bist wie ein lebendiger Brief Gottes.“