Gottesdienstelemente und Predigt über Exodus 3 und die Ergebnisse der ForuM-Studie, Schlosskapelle Haddenhausen 28.1.2024
Triggerwarnung in der Begrüßung
Liebe Gemeinde, guten Morgen. Es ist mein erster Gottdienst in Haddenhausen und ich habe lange überlegt, aber Sie haben es wahrscheinlich auch gelesen oder gehört. Die Veröffentlichung der ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt in unserer Kirche und Betroffene in unserem Kirchenkreis bewegen viele Menschen – zu Recht. Ich habe überlegt und dann gestern entschieden, dieses Thema in unserem unseren Gottesdienst zur Sprache kommen zu lassen. Trotz Taufe, trotz Totengedenken, auch wenn es vorher nicht angekündigt war. Ich sage Ihnen das an dieser Stelle, weil ich lieber übervorsichtig bin und damit Sie sich darauf vorbereiten können oder auch entscheiden können, wegzuhören wenn ich rede – in Liedern, Segen und Taufe kommt dieses Thema nicht vor. Vielleicht möchten Sie sich diesem Thema auch nicht oder überhaupt noch nicht in einem Gottesdienst nähern, vielleicht berührt Sie das Thema zu sehr, vielleicht sogar, weil Sie sexualisierte Gewalt aus Ihrem persönlichen Leben kennen.
Statistisch können auch hier Menschen unter uns sein, die davon betroffen sind. Und da spielt es keine Rolle, ob das im kirchlichen Rahmen passiert ist oder in anderen Zusammenhängen, Sie müssen sich dem Thema hier nicht aussetzen.
Ich möchte Sie ermutigen, diesen Gottesdienst zu verlassen, wenn es Ihnen zu viel wird oder sie jetzt schon denken – nein, das möchte ich heute nicht.
Das klingt drastisch, aber ich finde das generell richtig. Wenn Sie ein Thema aus persönlichen oder biographischen Gründen triggert, dann müssen Sie das nicht aushalten. Der Gottesdienst ist um des Menschen Willen da, er darf uns ruhig mal aufrütteln und berühren und irritieren, aber er soll kein Salz in Ihre Wunden streuen.
Ich bitte Sie, sorgen Sie für sich und gehen Sie, wenn nötig unter einem Vorwand … was vergessen, Kopfschmerzen …
Selbstverständlich bemühe ich mich um eine angemessene Form und Wortwahl und hoffe, dass es anderen von Ihnen auch hilft, wenn wir dieses Thema heute hier nicht totschweigen.
Sündenbekenntnis:
Gott, wie oft wollen wir nicht hören, dass sündige, schreckliche und unverzeihliche Dinge geschehen – auch und besonders in unserer Kirche.
Gott, wie oft wollen wir nicht hinsehen, wenn Menschen, die sonst gute Arbeit tun, auch schlechte Eigenschaften ausleben oder böse Taten begehen.
Gott, wie oft wollen wir nicht wahrhaben, dass unser nicht-hören und nicht-sehen wollen, unser nicht-aussprechen und nicht-anerkennen, unsägliches Leid verursachen.
Gott, wie oft.
Wir wissen es selbst noch nicht.
Aber wir ahnen in diesen Tagen: Zu oft.
Wir spüren in diesen Tagen: Viel zu oft.
Das tut weh. Und das ist richtig.
Gott, die meisten von uns haben anderen keine Gewalt angetan, nichts vertuscht.
Aber wie oft haben wir die unangenehmen Themen kleingeredet oder gedacht.
Zu oft.
Wie oft haben wir über Schutz und die Prävention geredet?
Zu wenig.
Wie oft wären wir bereit gewesen, unsere Türen und Herzen weit für Betroffene zu öffnen und ihnen zu glauben, wenn sie einen Hauch von ihrem Leid erzählen?
Zu selten. Viel zu selten.
Wie oft sind wir heimlich oder sichtbar erleichtert, dass die Schande und der Verrat an allem, was wir eigentlich sein wollen, nur die anderen trifft.
Gott, wie oft, wie wenig, wie selten.
Wir begreifen es noch kaum, dass wir Teil einer Kirche sind, in der sexualisierte Gewalt ein großes, geheimes, systematisches Thema ist.
Gott, erbarme dich über deine Kirche und über uns, wenn wir hören, sehen, wahrnehmen, begreifen, erst jetzt, nachdem schon viel zu vielen Seelen großer Schaden zugefügt wurde.
„Gott, unser Vater, höre uns“
Lied: Herr, erbarme dich 178.11
Herr, erbarme dich, erbarme dich.
Herr, erbarme dich, Herr erbarme dich.
Gnadenspruch:
Gott ist voller Erbarmen.
So steht es bei Hesekiel, 24, 16a
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.
Kollektengebet nach Lied EG 673:
Gott, dich loben, weil du aus der Tiefe holst, Tränen trocknest, den neuen Weg weist.
Das geht, auch heute.
Gott, wir stehen auf heiligem Boden,
wir stehen vor dir und was dir heilig ist.
Und bitten dich – sei unser Gott, sei da, sei nah.
Denn wir haben das Evangelium, unseren Schatz nur in irdenen Gefäßen, auf dass die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
Gemeinde: Amen
Vertiefendes Element, Radioandacht „Interview mit…“
Sprecher: Ich arbeite gerne mit den Händen.
Autorin: Kraftvoll und sanft kneten seine Hände den Ton bis er die gewünschte Konsistenz hat. Angst, sich schmutzig zu machen, hat er keine. Sechs Tage die Woche geht er jeden Morgen in sein Atelier und setzt sich an die Töpferscheibe.
Sprecher: Langweilig wird mir nie. Es ist einfach so: Jedes meiner Gefäße ist einzigartig. Jedes Teil braucht und bekommt meine volle Aufmerksamkeit.
Autorin: Seine Liebe zu Geschirr hat sich erst mit der Zeit entwickelt.
Sprecher: Ich habe mich früher auch sehr für Erdkunde, Sternkunde, Natur und Tiere interessiert, aber ich wäre ein schlechter Lehrer gewesen (er lacht), also deswegen: Töpfer. Da bin ich Handwerker und Künstler.
Autorin: Ein besonders guter Geschäftsmann ist er allerdings auch nicht.
Sprecher: Ich produziere nicht für Geld und ich gebe meine Schätze nur in andere gute Hände. Leider habe ich immer wieder schlechte Erfahrungen machen müssen. Selbst eine Liste mit zehn einfachen Hinweisen, wie man mit meinen Schüsseln, Tellern, Untersetzern, Tassen – einfach (mit) allem – umgehen soll, hat daran nur teilweise was verbessert.
Autorin: Jeden Tag hat er das vor Augen. Nachdem er sich die Hände gewaschen und eingecremt hat, geht er in sein Wohnzimmer. Ein Panoramafenster Richtung Osten und Süden gibt es dort. Und einen Kamin.
Sprecher:Wärme und viel Licht sind heilsam.
Autorin: Und zu heilen gibt es viel. Das ganze Zimmer ist voller Scherben.
Sprecher: Ich bin ja froh, dass sie wieder hier bei mir sind. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie einfach weggeschmissen würden, weil sie kaputt und zerbrochen sind. Manchmal setze ich mich in den Sessel und muss erstmal ein bisschen weinen über all das Ungeschick. Aber es ist ja nun mal so: Die zerbrechlichsten Gefäße sind zumindest äußerlich auch die schönsten. Und die praktischsten werden am häufigsten benutzt.
Autorin: Er weiß um die Risiken. Er sieht keine Alternativen.
Sprecher: Wenn man allerdings ganz bewusst schlecht mit meinen Gefäßen umgeht, dann packt mich der Zorn! Also, ich weiß wie sich Rachegelüste anfühlen… Aber das hilft meinen zerbrochenen Schätzen hier auch nicht weiter.
Autorin: Also tut er, was er tun kann. Sortiert die Scherben, mischt den Kleber, verziert die Risse.
Sprecher: Ich repariere nie so, als wäre nichts gewesen, Als wäre alles wieder perfekt. Ich will, dass man sieht: Ich kann aus einem Unglück etwas Schönes machen. Ein bisschen will ich ich auch, dass man den Gefäßen ansieht, dass sie hier bei mir waren, dass sie mich nicht vergessen…
Autorin: Wie jeder Künstler hat er seinen Stil, aber seine Eitelkeit hält sich in Grenzen.
Sprecher: Es muss ja nicht für jeden erkennbar sein. Aber grundsätzlich will ich zeigen: Risiken und Risse gehören zu jedem Leben dazu. Und deshalb muss man mit ihnen leben. Manchmal wird ein Gefäß nie wieder was es einmal war. Das ist unendlich traurig. Aber ich habe auch schon aus kompliziert abgebrochenen Tassenhenkeln die schönsten Kerzenhalter gemacht und aus Eierbechern Salbenschälchen. Das dauert dann länger, aber wir haben hier alle Zeit der Welt.
Autorin: Das ist sein Stil. Sich Zeit nehmen, nie aufgeben, Einzigartigkeit, Handarbeit. Manchmal glaube ich an Gott, den Töpfer.
Predigt: Auf heiligem Boden, Ex 3
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch.
Vor zwei Wochen habe ich in Bergkirchen über Erwartungen und Enttäuschungen in der Kirche gesprochen, die großen und kleinen: Über die Müdigkeit und das Erschrecken darüber, wie Unheil in der Kirche geschieht. Ich habe gesagt:
„Da wird Menschen unter dem Deckmantel der Seelsorge Gewalt angetan. Seelisch, geistlich, sexuell. Da möchte ich einpacken und gehen. Da kann ich nicht mehr. Da bin ich müde und bereit aufzugeben. Da ist wirklich was kaputt. Selbst wenn wir mehr Geld oder Pfarrinnen hätten, der Schaden ist nicht wieder gut zu machen.“ Das habe ich gesagt und so fühlt sich das für mich auch an, wenn ich die Analysen über unseren Umgang mit sexualisierter Gewalt lese. Da möchte ich einpacken, wenn es so bleibt.
Wenn wir als Kirche so ein unsicherer Ort für Kinder und Erwachsene sind, wenn bei uns sowas so leicht passiert, dann ist das das Gegenteil von der Liebe Gottes, vom Evangelium Jesu Christi.
Und trotzdem ich bin heute hier. Und Sie auch. Ich packe nicht ein. Und ich hoffe, Sie auch nicht.
Ich hoffe, wir packen nun endlich an.
Ich wage das zu hoffen, weil ich nicht zuerst auf uns hoffe, sondern auf Gott.
Auf Gott, bei dem die Betroffenen heilen können. Ich hoffe, dass sie bei Gott erfahren, dass sie in guten Händen sind, wie zerbrochene Gefäße bei einem Töpfer, der auch Scherben liebt und ihre Risse heilt, wenn es an der Zeit ist. Ich hoffe, wir haben diesen Weg nicht völlig verbaut, ich hoffe, Gott findet andere Wege.
Für uns als Kirche hoffe ich auf Gott, wie er Mose begegnet. Mose, der vor Schmerz über Ungerechtigkeit und Leid an seinem Volk einen Mord begangen hat. Das ist und bleibt unverzeihlich, das heißt: Es ist nicht wieder gut zu machen von ihm, Mose hat sich damit sich sein eigenes Leben verbaut, musste fliehen vor der Todesstrafe.
„Zu der Zeit, als Mose groß geworden war, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah ihre Lasten und nahm wahr, dass ein Ägypter einen seiner hebräischen Brüder schlug. 12 Da schaute er sich nach allen Seiten um und als er sah, dass kein Mensch da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sande. 13 Am andern Tage ging er wieder hinaus und sah zwei hebräische Männer miteinander streiten und sprach zu dem, der im Unrecht war: Warum schlägst du deinen Nächsten? 14 Er aber sprach: Wer hat dich zum Aufseher oder Richter über uns gesetzt? Willst du mich auch umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast? Da fürchtete sich Mose und sprach: Es ist also doch bekannt geworden! 15 Und es kam vor den Pharao; der trachtete danach, Mose zu töten.“
Mose hat sich schuldig gemacht, ohne Frage. Das zu vertuschen, seine Schuld im Sand zu vergraben, ist nicht geglückt. Mose hat es nicht mehr ausgehalten, dass die Ägypter seine hebräischen Brüder und Schwestern versklavt und misshandelt haben. Trotzdem – er hat Schuld. Mag verständlich sein, was er tat. Es bleibt ein Mord. Und der hat Konsequenzen. Mose kann nicht weiterleben wie bisher. Er wird nicht bestraft, aber er muss fliehen und mit seiner Schuld leben.
Lange Zeit vergeht. Mose tut Gutes, Mose gründet eine Familie, wird Hirte. Und eines Tages, mitten bei der Arbeit- wendet sich sein Leben erneut:
„2Der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 3Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. 4Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. 5Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!“
Zieh deine Schuhe aus, du stehst auf heiligem Boden. Das Land ist nicht heilig, weil es heilig ist. Das Land ist heilig, weil Gott dort ist. Gott und alles, was Gott heilig ist. Und das ist jeder einzelne Mensch. Die Menschen, die misshandelt und missbraucht wurden in Ägypten und auch in unserer Kirche.
Und deshalb ist es Zeit, dass wir die Schuhe ausziehen. Denn wir stehen auf heiligen Boden.
Es ist Zeit für Ehrfurcht und Hochachtung vor den Körpern und Seelen und Herzen von denen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Die Betroffenen sind nicht Gott, aber sie sind ihm heilig. Und das müssen wir endlich begreifen. Sie sind die erste Priorität. Nicht das Image unserer Gemeinden, unserer Kirche. Nicht die Tatpersonen, ihre Familien und Freunde. Nicht unser Bedürfnis nach Harmonie und „so sind wir doch eigentlich nicht, was nicht sein darf, ist nicht“. Es ist Zeit, dass wir die Schuhe ausziehen, wir stehen auf heiligem Boden, wenn wir Kirche sind. Denn dann kommen wir als Menschen zusammen, als Sünder und Sünderinnen und als Getaufte, Geheiligte. Lasst uns den ersten Teil nicht vergessen. Lasst uns nicht zu schnell davon reden, dass Gott alles vergibt. Das tut Gott, aber es ist billige Gnade, es ist grausame Gnade, wenn damit das Unrecht, das Unheil, dass Menschen unter uns, bei uns leicht widerfahren ist, schnell unter den Teppich gekehrt wird. Ob auf oder unter dem Teppich, wir stehen auf heiligem Boden.
Also Schuhe aus- und Ehrfurcht vor jedem Menschen, jedem Leben anziehen, Hochachtung zeigen vor denen, die es wagen zu sagen: „Ihr habt mich verletzt. Tief und nicht wieder gut zu machen.“ Das braucht irre viel Mut. Heiligen Mut. Ich hoffe, dass mehr Betroffene diesen heiligen Mut finden, wenn er ihnen guttut und durch das, was da langsam und leider noch unvollständig endlich wahrgenommen wird auf Papier, in den Medien, in unseren Herzen.
Aber noch mehr hoffe ich auf Gott, wie er Mose begegnet. Mose hat sich schuldig gemacht und doch darf er sich dem Heiligen nähern – wenn er seine Schuhe auszieht. Und noch viel mehr: Mose darf Gott helfen, dass sein Volk gerettet wird aus der Sklaverei.
Wohlgemerkt, an seinem Volk hat Mose sich nicht schuldig gemacht. Das gilt es zu unterscheiden, wenn ich hier heute die Exodusgeschichte mit der Geschichte unserer Kirche und ihrem Umgang mit sexualisierter Gewalt vergleiche.
Wenn Vertreterinnen und Vertreter der Kirche (und das sind wir eigentlich heute alle hier) in diesen Tagen Verantwortung übernehmen für das, was jahrzehntelang in Gemeinden in Deutschland und auch im Kirchenkreis Minden passiert ist, dann tun sie das nicht, weil sie selber sexualisierte Gewalt an Kindern, Schutzbefohlenen oder Gemeindegliedern verübt haben, sondern weil wir erkennen, dass wir es Tatpersonen leicht gemacht haben und Betroffenen unendlich schwer.
Auch wir haben kläglich versagt, Menschen zu schützen und ihnen zu glauben, wenn sie den Mut haben, davon zu erzählen. Zu schnell sind wir wohl mit dem Wort Vergebung. Das ist geistlicher Missbrauch von Betroffene. So schnell oder überhaupt Vergebung zu erwarten für das, was ihnen geschehen ist, für das, was wir versäumt haben. Das wiegt schwer. Und in allem anderen waren wir zu langsam, zu unprofessionell, zu ängstlich wohl auch.
Und trotzdem hoffe ich auf Gott, dass er uns in diesen Tagen hilft die Schuhe auszuziehen und endlich anzupacken. Und das zu tun, was in unseren Möglichkeiten steht. Uns mit diesem schwierigen, schmerzhaften, schambehafteten Thema auseinander zu setzen, damit es ans Licht kommt, denn da verliert es Macht.
Wenn wir uns schulen und üben im Umgang mit Worten, mit Situationen, wenn wir bedenken, was wir tun müssen, damit die Strategien von Tatpersonen bei uns nicht greifen, dann habe ich Hoffnung. So viel Hoffnung, weil Gott uns auch dabei begleitet und dazu beruft. So wie Mose. Dem er sagt, wer er ist. Ein Gott, der da ist. In aller Sklaverei und Misshandlung und jedem Missbrauch, sei er geistlich oder auch sexualisiert, ist Gott da, zuerst bei den Betroffenen, in der Exoduserzählung schickt er irgendwann einen Retter, Mose.
Gott ist da, auch bei uns als gerade unglaubwürdige Kirche, in der Menschen gebrochen werden anstatt geheilt. Gott ist da, sogar bei denen, die die Kirche und ihr Amt oder ihre Position missbraucht haben, auch wenn das gerade schwer auszuhalten ist.
Gott ist da als Jesus, der was Leid und Misshandlung versteht.
Als Jesus, als Liebe, stärker als alles.
Als Jesus mit Wunden des Verrats und der körperlichen Misshandlung.
Als Jesus, als Auferstandener, immer noch gezeichnet, aber lebend und LIEBEND.
Der genau das von sich sagt: Ich bin da, für euch, bis ans Ende der Welt.
Ich begleite euch jeden Tag, auch diesen.
Ich begleite euch auf dem Weg aus der Sklaverei und auch, wenn ihr endlich und wieder eine Kirche werdet, in der alle Menschen in ihrer Würde geehrt und geachtet werden.
So ist Gott da.
Gott, in dessen Namen wir gleich T. hineintaufen.
Ja, so viel Hoffnung habe ich in diesen Tagen. Bei allem Schmerz und Scham, den ich in diesen Tagen fühle, habe ich so viel Hoffnung wegen Gott und auch für diese Kirche, dass ich Jesus‘ Auftrag folge, T. zu taufen. Ohne Wenn und Aber: Denn das ist meine Hoffnung, liebe Gemeinde:
Dass T. in einer Kirche aufwächst, die die Schuhe auszieht. Auch wenn es heikel ist, und der Boden heilig ist und doch steinig und spitz. Auch wenn es unangenehm ist. Aber voller Überzeugung – T. soll so sicher sein wie möglich und deshalb machen wir das selbstverständlich.
Nun endlich. Lasst und nicht einpacken, sondern anpacken. So wie Mose, Schuhe ausziehen.
Für T., alle anderen Kinder und Erwachsenen und auch alle anderen Menschen in dieser Kirche und der Welt. Denn das ist unser heiliger Boden, auf dem Gott uns begegnet.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all eure Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Fürbittengebet:
Gott, wir bitten dich heute auch für alle, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind.
Denen, die sie geschah und geschieht. Auch in unserer Kirche. Sei du für sie da, wo wir es nicht konnten, wollten und immer noch kein guter Ort für sie sind. Sei du ihnen heilsam.
Wir bitten dich, lass uns hören, was sie uns sagen, damit wir erkennen und anerkennen können und wenn sie wollen, mit ihrer Hilfe ein sicherer Ort für Kinder und Menschen werden können.
Wir bitten dich für die Gemeinden, in denen Grenzverletzungen und Übergriffe geschehen und vertuscht worden sind – lass sie verstehen, was passiert ist – aber lass sie nicht alleine stehen mit ihrer Scham, ihrem Schmerz und Bedauern. Lass sie deine Gnade am Horizont schauen.
Wir bitten dich für uns, lass unsere Betroffenheit durch die Informationen der letzten Tage und nächsten Wochen Früchte tragen. Gib uns die Hoffnung, dass wir uns verändern können, dass wir nicht so bleiben müssen wie wir sind. Dass wir aus einer Kirche der Dunkelziffern und Gewalt im Verborgenen eine Kirche werden können, die aus ihrer Sünde der Vergangenheit und Gegenwart lernt für die Zukunft. Dass wir eine Gemeinschaft werden können, in der Menschen sich wieder sicher fühlen können, weil wir die Augen und Ohren und Herzen offen haben.
Amen.