Tapfer?

Predigt-Slam Osnabrück 20.9.2019

Die Zahnärztin ist begeistert dabei,

ich nicht.

Ich starre in das Zahnarztpraxenlicht.

Dann schließe ich die Augen,

meine linke Backe ist betäubt,

mein Mund ist weit offen,

es knackt,

die Zahnärztin hackt

rum

auf der Wurzel meines Milchbackenzahnes.

Zwei Arzthelferinnen halten meinen Kopf fest.

Aber mein Milchbackenzahn ist natürlich

stärker und dicker und massiver als das Edel-stahl-zahnarzt-besteck.

Schade eigentlich, dass er nicht so wertvoll ist wie Elfenbein,

dann bekäme ich wenigstens Bares  …

Stattdessen: „Was bist DUUU tapfer!“

Finde ich nicht.

Es fühlt sich irgendwie nicht so an, als hätte ich hier eine Wahl.

Weglaufen würde nix bringen,

wäre nur eine Verlängerung meiner Qual.

24 Mal

muss ich da durch,

Weisheitszähne nicht mitgerechnet.

Meine Milchzähne fallen nicht aus,

also muss man sie ziehen,

damit meine Zweiten kommen.

Ich halte nur durch, hab nichts zu verlieren,

„wohin sollte ich fliehen?“ (Psalm 139)

mein Körper ist mal wieder „super-special“,

„wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele“.

(Ebenfalls Psalm 139)

Im Taxi,

kurz vor Weihnachten,

im Kofferraum ein Meerschweinchen im Käfig,

in meinem Arm, ein kleines, starkes Mädchen.

So früh morgens ist Schichtwechsel beim Jugendamt,

da muss die Notfallseelsorge auf sie achten.

Sie schreit:

„Ich will nicht ins Heim, dann bekomme ich wieder nur Pflegeeltern.“

Aber da fahren wir hin,

ihre Mutter ist nach der Drogennacht nicht mehr aufgewacht,

manchmal bin ich sprachlos

und ich habe schon zwei Mal SCHEIßE gesagt,

und das zeigt und heißt:

ich bin am Limit.

Aber ich bin da und halte sie und das ist nicht viel,

und doch mehr als ein nettes Gimmick.

Aber ich mache mir nichts vor,

das ist nicht tapfer, wenn auch um Gottes Willen,

ich bin nicht tapfer, so wie andere mir das sagen,

wenn ich von solchen Stunden erzähle.

Das ist nicht tapfer,

Stunden später bin ich wieder in meinem Leben.

Und am Telefon unser Teamleiter,

dem ich meinen Schmerz von der Seele rede.

Das ist nicht tapfer,

ich teile ihr Leben nur für ein paar Stunden

und dann gehe ich wieder.

Das ist nicht tapfer, es sind nicht meine Lebenswunden.

Ich bin nicht tapfer um Gottes Willen,

ich bin es nie. Ich bin ein Genie

im Durchhalten, im Weitergehen,

wenn es mal ein bisschen schwieriger wird,

wenn die Herausforderungen kommen.

Irgendwie liegt mir das,

Hinfallen – Aufstehen, und sowieso:

ohne Umwege – kein Spaß.

Ich bin nicht tapfer,

wenn ich sowieso die Kraft, die Ressourcen,

die Liebe „überhab“,

also mach mir keine Komplimente

oder verleih mir eine Tapferkeitsmedaille,

da lieg‘ ich lieber allein eine Weile

auf dem Sofa.

Ich bin nicht tapfer,

schon gar nicht um Gottes Willen.

Das brauche ich auch gar nicht,

ich übe mich

ja nur

im Ehrlichsein,

im Tun, was nötig ist,

im Wahrnehmen von Gerechtigkeit

und das ist leicht im Land von Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit.

Ich bin nicht tapfer um Gottes Willen,

ich brauche das nie,

noch funktioniert unsere Demokratie.

Ich war heute demonstrieren,

Fridays for Future,

aber dafür musste ich nicht streiken,

dafür hab ich keinen Stoff verpasst,

weil ich freie Arbeitszeiten hab.

Ich hab es auch ein bisschen schwer, tapfer zu sein! ; )

Ich fahre viel zu viel Auto,

aber meinen CO2 Fußabdruck

brauche ich nicht durch Fahrradfahren minimieren,

dafür gibt es doch die Klimakollekte,

mit meinen 250 Euro pro Jahr kann ich den Schaden easy wieder regulieren.

Deshalb muss ich mein Auto gar nicht verkaufen,

und wenn, wäre selbst das nicht tapfer,

mit den Öffis unterwegs zu sein oder zu laufen,

wäre meine klar-kalkulierte freie Entscheidung.

Und die wäre nicht tapfer,

nur richtig, rational und sowieso einfach wichtig.

Aber auch ich bin, was mein Auto anbelangt, leider verwöhnt emotional.

Ich war bisher nie tapfer und ich will es auch gar nicht so gerne sein.

Denn ich ahne:

Tapfersein

ist gefährlich.

Nicht nur so ein wenig

sondern richtig.

Tapfersein ist kein Märchen wie beim klugen Schneiderlein.

Bei „Tapfersein um Gottes Willen“

fallen mir nicht nur Helden, sondern vor allem Märtyrer ein.

Die Menschen, die Juden zuerst erfolgreich versteckten

und dann mit ihnen in den Gaskammern verreckten.

Die Menschen, die Artikel veröffentlichen

und damit ihr Leben einsetzen,

damit sich alle Blicke auf das verborgene Unrecht richten.

Die Menschen, die etwas sagen, was die eigenen Leute beschämt,

weil sie sehen, wie deren Taten den Glauben,

die Hoffnung und die Liebe der Opfer lähmt.

Und dann bangen um die Reaktion.

Tapfere Heldin oder verachteter Verräter

ist eine Frage der Interpretation.

Ist eine Frage der Geschichte.

Und die wird erst Jahre später geschrieben.

Tapfersein ist kein Märchen wie beim klugen Schneiderlein.

Bei „Tapfersein um Gottes Willen“

fallen mir nicht nur Helden, sondern auch Märtyrerinnen ein.

Und davon will ich keine sein.

Davor hab ich Angst.

Es ist wirklich total außerhalb meiner Komfortzone

was ein Pastor aus den USA schreibt

und was vielleicht irgendwann auch

für Deutschland oder Europa gelten kann,

spätestens dann,

wenn der Klimawandel zu noch mehr Fluchtbewegungen führt:

(Robin Meyers, The Underground Church)

Dass wir Christen und Christinnen uns vorbereiten müssen,

gegen Recht, das Unrecht ist, zu verstoßen ohne uns zu schon´n.

Dass die Zeit kommen kann,

dass wir auch wieder Menschen verstecken,

ohne die vermeintliche Rechtssicherheit

des schönen Wortes Kirchenasyl.

Und nicht nur ein Shitstorm,

sondern auch Gefängnis und sozialer Tod droht.

Was, wenn die Zeit kommt,

in der wir tapfer sein müssen um Gottes Willen und der Menschen?

Das macht mir Angst.

Und trotzdem und genau deshalb hoffe und bete ich

nicht nur für die anderen, die gerade jetzt tapfer sind,

sondern auch für mich:

Gott, gib ihnen und mir deinen Geist,

den der Kraft und Liebe und Besonnenheit (2. Timotheus 1,7)

Denn, wenn der Tag kommt,

an dem ich tapfer sein soll um seines Willen,

Dann will ich tapfer sein mit Kraft,

und nicht zurückhaltend oder zweifelnd oder unzureichend.

Dann will ich tapfer sein aus Liebe,

und nicht weil ich in die Geschichte eingehen möchte

oder aus irgendeinem gut begründeten Prinzip.

Dann will ich tapfer sein und besonnen,

damit möglichst nur kaputt geht, was uns kaputt macht,

denn sonst ist mit Tapferkeit nix gewonnen.

Amen.

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